Episoden aus dem Leben.

Monday, March 9, 2020

Durchsage

Die digitale Uhr in der Reinhardtstraße ragt für einen flüchtigen Blick in den Rahmen der S-Bahn Fenster und wird sichtbar. Sie läuft schneller als mein Auge ihr folgen kann; man muss auf die Hunderterstellen achten, um zu bemerken, dass sie seit einiger Zeit rückwärts läuft. Damit hält sie das Versprechen wach, dass unsere auf Akkumulation fußende Kultur eine Zukunft hat. Man kann es hier ebenso emotionslos wie auf die zweite Kommastelle genau ablesen, es ist eindeutig, denn Zahlen lügen nicht. Das ist das nächste Versprechen. Diese Uhr bannt mich jedes Mal, vielleicht nicht aus dem intendierten Grund: Ich finde sie einfach amüsant. Als nächstes folgt ein kurzer Augenblick ins Innere der Kabine, welcher reichen muss, denn allzu genaue Blicke sind hier nicht erwünscht. Welche Welt sehen meine Augen?
Garderobe grau in grau in grau; bloß nicht auffallen, nur nicht anecken. Dieses Grau, das fast schon ein Blau ist, sehe ich. Es ist die Spannung zwischen zwei Widerständen im Inneren der Person, ein fast verdauter Klumpen der „Weltentzweiung“ oder eine Folge dieser Digestion. Man kann es auch einfacher die Faszination an der Verzweiflung nennen; die ist es mithin auch, die mich dabei von hinten packt, wenn ich das aus der Distanz betrachte. Kurz vor Berlin Hauptbahnhof kommt dann die Durchsage: „Nächste Station: Kölnische Heide.“ Niemanden außer mich wundert es, niemand hebt den Kopf.
Die Frau neben mir ist vertieft in eine Klatschzeitschrift: „Sonja Zietlows Abrechnung mit den Dschungelstars.“ Es gibt andere, deren Garderobe mir gefällt, doch je glatter ihre Schönheit, je überlegter, abgestimmter, das Gesamtbild wirkt, desto misstrauischer sollte man werden. Will man auf einen Diskurs einwirken, so Foucault von der Seite, wirkt auch der Diskurs im gleichen Maße auf einen selbst ein. Besser wieder nach draußen schauen und sich nichts anmerken lassen, die Mehrdeutigkeit wieder aufrichten. Wir spielen übrigens alle wieder das Statuenspiel, bei dem jeder reglos verharrt, ob sitzend oder stehend (ist beides erlaubt), und vorgibt, er hätte nennenswerte Gedankengänge; der Rest glotzt auf sein Telefon. Das ist die zweite Disziplin desselben Spiels, wobei es darauf ankommt, auch dabei interessant auszusehen. Eine Empfehlung für Fortgeschrittene quasi. Ich als Anfänger versuch’s mit meiner schlanken Fachliteratur. Und, siehe da, der gewünschte Effekt tritt bald ein: Ich fühle mich wichtiger als der Rest.

Tuesday, June 11, 2019

Anhaltender

Kurz nach Gesundbrunnen, kommt die Regionalbahn zum Stehen. Der Zug wurde bereits umgeleitet, da durch die unerwartet starke Hitze die Oberleitungen der Stadtlinie ausgefallen waren. Jetzt kam die Durchsage, wir hätten es wohl mit einer defekten Lok zu tun. Es wird um Geduld gebeten, der Lokführer wisse selbst nicht so ganz, wie es nun weitergehe.
Die weiteren Zuggäste ziehen es vor, im immer noch kühleren Abteil ihr Dasein zu fristen, wodurch wir uns oberflächlich ergänzen, da ich es vorziehe, allein zu sein. Das hat man auch selten: In der Bahn sitzen und nichts außer seinen eigenen Geräuschen zu hören, mal ganz abgesehen von der rauschenden Außenwelt. Einzig beim gelegentlichen Schlucken, stört die Kehle, vertrocknet. Hin und wieder wird die gesamte Bahn von vorbeifahrenden Schnellzügen durchgerüttelt; wer die Hitze mag, fühlt sich wie im Mutterleib.
Die Temperaturen steigen stetig; so, wie die Minuten gerinnen, vergeistern die Wasserreserven in der Atemluft und ich denke an diese eine Kurzgeschichte von Cortázar, die ich mal geschrieben habe... "Geschrieben" schreibe ich schon, ich meine natürlich gelesen. Ein guter Leser muss virtuell gut schreiben können, das habe ich mir gemerkt. Sowie ich jedoch diese Zeilen auf den hellblauen Bildschirm bringe, wird dem Zug ein Schock verpasst. Handelte es sich um eine Wiederbelebungsmaßnahme oder werden wir abgeschleppt? Kurz denke ich, dass es schade ist, weil es mir gerade so leicht von der Hand geht, von hier drüben, doch die als Bedauern sich maskierende Hoffnung verblasst bereits nach wenigen Augenblicken, genau wie mein Bildschirm. Es tut sich nichts: Schiffbruch.

Die Zeit kann man aus der Luft fischen, Burgen aus ihr bauen, mit trutzigen Zinnen, oder man lässt es. Auf einem dünnen Film aus Schweiß rutscht meine Brille jetzt ungehindert auf das spitze Ende meines Nasenrückens zu, zwar aus Gewohnheit rücke ich sie jedesmal nach oben, zum Anfang, zurück, doch ich frage mich, wie lang es dauern würde, bis zur hemmungslosen Aufgabe bekannter Handlungsmuster, bis zum Schulterschluss mit dem Herrn der Fliegen.
Noch eine gute Geschichte für den Sommer, denke ich mir gerade als unter mir eine Tür im quietschenden Ton, vielleicht unter großer Mühe händisch aufgestemmt, sich öffnet. Eine Stimme ruft herein: "Sieht erstmal besser aus, schonmal". Im unteren Teil geht der zur Stimme gehörende Unsichtbare vorbei, wohlmöglich ist es der Lokführer, wer weiß, ins nächste Abteil. Ich höre noch seinen dicken Schlüsselbund klimpern, höre ihn zu Mitreisenden sagen: "So, geht gleich weiter". Danach ertönt das Durchsagesignal, obwohl eine Durchsage noch auf sich warten lässt. Wieder klingt der Schlüsselbund unter meinen Füßen, lockt mich abermals auf die andere Seite. Von weit her höre ich noch dumpf, wie er, dort angekommen, auch denen versichert, er hielte uns auf dem Laufenden, es sähe aber so aus, als kämen wir zumindest zum nächsten Bahnsteig, irgendwie. Das ist das Letzte, woran ich mich erinnere. Ich fühle mich seltsam wohl dabei, dass er nicht zu mir hoch gekommen ist. 

Vielleicht hat er vergessen, dass ich hier bin. Die ganze Stadt scheint's zu vergessen, das Land, die Welt dahinter, die es angeblich gibt, wer weiß das schon so genau. Wo war ich? Ach ja, im Abteil, das ein ächzendes Geräusch von sich gibt, voll von toter Luft; Andacht auf den Kirchenbänken, wie damals, nur viel metallischer, anhaltender.
Ich bin jetzt sehr froh, dass der Zug zum Stehen kam, auch wenn wir schon die ersten hundert Meter entrückt sind, auch wenn ich nur noch verbrauchte Luft einatme und mein Unterhemd wie eine zweite Haut an mir klebt; genau wie meine Sprache, die im günstigsten Fall doch nur die Hälfte dessen bedeckt, was sie zu umfassen gedacht war. Wie die Zeit so vergeht und je mehr Zeilen ich fülle, desto enger wird unsere Verbindung und um so mehr von mir fließt in sie ein.
Wir fahren noch eine ganze Weile so weiter, unter dem ständigen Knarzen dieser röchelnden, sich schwerschleppenden, alten, Lok. Langsam passieren wir Grunewald, mit Glück werden wir es sogar bis Wannsee schaffen. Wie es von dort weitergehen wird?, ich bin nicht sicher.

"Verehrte Fahrgäste, unser Zug verendet in Berlin Wannsee. Reisende nach Potsdam Hauptbahnhof, nutzen bitte die S-Bahn."

Ich weiß nicht mehr, wohin ich ursprünglich wollte. Nur Durst. Will mir etwas beim Kios'... vielleicht ein Bier, vielleicht ein Ruderboot. Ach, nur ein Gummiboot. Und hinaus und verbrenne und zerfließe gleichzeitig; lasse endlich los. Verschütte dabei, in Andenken an den lieben Kleist, meine Bierdose. Sie treibt allein, wie ein Korken auf dem Meer, er nickt ein, in sich, versunken.

Thursday, March 7, 2019

Teil des Exkurses über das Vorhaben meiner Erzählung


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Mir schien, das Experiment sei dann gelungen, wenn die bestimmten Gemütszustände beim Verfassen in der Form des Textes Ausdruck fänden. Mit dieser Entscheidung fiel, ob seiner Formlosigkeit, für die mediale Umsetzung meines Vorhabens die Wahl auf das Palimpsest als Gattung. Dabei ist schon diese Wortwahl, wenn ich einmal „Sprachmetaphysik in eigener Sache“ betreiben dürfte, in ihrer Uneindeutigkeit der Ausdruck der Verdopplung und der Rückwärtsbewegung; soll heißen: Das Palimpsest zeichnet nicht seine Formlosigkeit per se aus, sondern es zeichnet es aus, dass seine Form die Formlosigkeit, der Wandel - mehr noch: die Wende ist. In diesen Nuancen werden die wahren Kriege ausgefochten, nämlich die, die mit dem Kosmos geführt werden (und gegen die Seelenfängerei). Dieser Begriff ist aufgrund seiner Offenheit für Auslegung gleichzeitig im weitesten Sinne die korrekte Bezeichnung für den vorliegenden Text als auch im konkreten Sinne, da dieser in der beschriebenen Charakteristik beispiellos ist.

Die Konsequenz derjenigen Erkenntnis, die ich von meiner Chinafahrt und, viel früher schon, von der kleinen italienischen Reise in der Lage war zu empfangen, war, überall dort, wo die Sprache holprig wird, sich zu fragen, ob das nicht der Text an sich ist, der da vermittelnd reagiert auf das, was inhaltlich vor sich geht, über die Sprache hinaus deutend. Der Inhalt des Textes, noch bevor er interpretiert werden kann, interpretiert seinen eigenen Inhalt auf der Ebene seiner Form. Mir ist das zufällig begegnet. Wie im Prolog beschrieben, wollte ich „das eigentlich noch gar nicht“ aufschreiben. Dieser gereizte Zustand, diese „kindische lila Laune“, wie ich sie auf dem Weg nach Qintian beschrieben habe, ist der Ausdruck der Infantilität, der Ausbruch aus einer dünnen Schicht der konditionierten Handlungsmuster, die ach so oft als Masken Bezeichnung finden: contrainte sociale als Grund der Sucht. Das ist unangenehm, das sind Seiten an uns, die wir allzu gerne verbergen: Wir stolpern nicht gern, wenn jemand zuschaut. Nun stolperte ich zufällig darüber und fühlte mich direkt an solche Leute wie Soupault und Bréton erinnert, die mit ihrer écriture automatique einen wesentlichen Gedankenansatz dazu boten: Diese Beobachtung war es wert, verfolgt zu werden.



Als nächstes überlegte ich, wie ich diesen Zustand erneut herbeiführen könne und da es mir ulkig vorkam, ihn erzwingen zu wollen, wartete ich im Bewusstsein, die Chance nächstes Mal, sobald sie sich böte, zu nutzen. Ich weiß nicht wie oft ich vor dem Verfassen des Prologs liegen geblieben bin; wieviele handwerklich ausgefeiltere Varianten ich im Zuge des Redigierens davon hätte machen können – ich verbat es mir. Damit verbat ich mir auch direkten Zugang zum Schreibprozess, da das, was man in der Folge als einen kreativen Schub bezeichnen könnte, sich nicht jeden Tag ereignet (und auch nicht jede Woche). Das Werden des Textes aus eloquenter Stille hat ein trotziges Eigenleben und entzieht sich gefühlt der Kontrolle des Verfassers (das kann ich im Wesentlichen bestätigen).

Mit dieser mir vom Text aufgezwungenen Strategie war eine direkt körperliche Dimension der Erzählung angelegt und die zeitliche Dimension, die die Inhalte von ihrer Inszenierung in demselben Text, den du jetzt liest, abgrenzt, ist die eigentliche Zeit, die hier vergangen ist. Diese Reise ist endlos teleskopiert, kein Land in Sicht, was sie ihrer Logik nach zur Wanderung werden lässt. Diese Komponente ist es, die im Text immer mitschwingt, immer mit kommuniziert wird. Die Bedeutung dieses Buches lässt sich nicht allein in den Buchstaben finden, die in es gedruckt worden sind. Eine Tatsache, die jedoch durch den récit erst lesbar wird.



Die Entscheidung über die Struktur des Textes schafft Schlüsselstellen, an denen bestimmte Melodien, Stimmungen und Rythmen, allem voran diejenigen, die man mit dem Körper wahrnimmt: die unangenehme Sättigung, das Stirnrunzeln, die Entfremdung gegenüber allem, was man nicht gewöhnt ist (man stelle sich mal vor, Kinder würden der sich ihnen darbietenden Welt mit solchen Bauchschmerzen begegnen); all diese Empfindungen also, deren Begriffe die meisten verlernt haben; all diese Lust bringt der Text an die Oberfläche und nutzt sie als Vehikel, um mit und in ihr wieder hinabzusteigen. Diese Lust ist aber kein Schatten, der allein sich auf das unmittelbar Erfahrbare, Sensorische, bezieht: Sie vermittelt zwischen Stil und Inhalt, genauso wie zwischen Vermarktbarkeit und Lesewiderstand, und schafft Übergänge in alle Richtungen des Archipels, in dessen Rahmen die vorliegende Fiktion eingebettet ist.



Man kann wahrhaftig nicht sagen, ich sei dankbar darüber, dass der Begriff der Literatur auch die Kulturindustrie dahinter einschließt, die jede Erzählung als das Erwartbare (und das ist nicht zu verwechseln mit dem, was als realistisch gilt!) prägt. Trotzdem muss betont werden, dass die Form, die ich wähle nicht ohne den Einfluss, man könnte auch sagen Kontext, auch dieser Faktoren hätte enstehen können. Natürlich überrascht das nicht: Unsere Wanderung ist eine Wanderung hinab, auch wenn das Auge an bestimmten Stellen eine kleine Welle zeichnet, so ist mich zu lesen ein stetiges Sicheingewöhnen in zunächst fremd wirkende Denkmuster und mit jeder Meterzahl steigt der Druck auf mich, dir endlich zu erklären, was ich denn mit all dem meine, bevor dir die Luft ausgeht. Manchmal wirkt deswegen die Laune des Textes gegen mein eigentliches Bestreben und obwohl ich schon viel dazu gelernt habe muss ich gestehen, begleitet mich mit jeder Zeile die Furcht davor, ich könne dich nie erreichen, auch wenn ich dich noch so sehr in die Tiefe ziehe.

Was ich dir im doppelte Sinne sage ist das, was ich auch Brummer sagen will (und während des Redigierens auch wiederholt ihm mitgeteilt habe), nämlich: An und für sich kann ich dir nichts erklären, habe es auch nie versucht, schreibe nur (und be-schreibe nicht). Trotzdem fordere ich dich heraus, doch nicht ohne meine Demut glänzend zu polieren, das sollst du wissen; wo doch jeder Absatz, den du mich weiterverfolgst, der Sonne Glast in meine Augen scheint. Selbstverständlich möchte ich mich mitteilen. Es wäre lächerlich zu behaupten, ich schriebe allein der Eigentherapie halber; lächerlich, weil es im gleichen Atemzug jeden an der Verständigung zwischen Menschen Interessierten immer schon im Vorhinein denunzierte. Den Einwand, ich dürfe nichts sagen, da ich alles durch meine Linse betrachte, weise ich genauso mit gerümpft eurozentrischer Nase zurück, wie die Behauptung, auch diese Entscheidung sei in sich selbst nicht ambig.



Das Wichtigste schließlich für mich war, die Stimmen, die mich umtreiben, zu würdigen. Namen zu nennen geziemt sich aus verschiedenen Gründen nicht. Allein der Tradition, in der sie stehen wegen fiele es mir schwer, dem Personenkult Raum zu schaffen und ebenso fiele mir, mit Verlaub, auch nicht ein, den Ahnungslosen zu kränken, sowie (den Kenner) wiederholt zu langweilen. Dabei mag ich nicht zu wagen hoffen denjenigen, der mir bereits soweit Zugang zu sich gewährte, dass er bis hierhin las, auch noch auf Perlentauchgang zu schicken; vielmehr sind die anonym zitierten Stellen als auch die stilistischen Allusionen als Boote zu anderen Inseln zu verstehen, die die innere Karte erweitern, ob nun gezielt angesteuert oder darüber gestolpert.

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Friday, January 19, 2018

Plaues Gefühl

Beim folgenden Text handelt es sich um einen Auszug einer Fortsetzung zur kleinen Italienreise.
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Ich treibe unentschieden auf meiner plauen Insel. Angst vor dem Tod? Dem Natürlichen; vor der Uneinlösbarkeit des Unmöglichen mit jeglichen Mitteln. Viele finden es sinnlos, ohne zu suchen. Das Menschliche entdecken, heißt: auf Reise gehen. Heißt Wohlstand, Gerechtigkeit, Frieden kategorisch hinterfragen. Du weißt, diese Erzählung handelt ausschließlich von der Wahrheit. Sie handelt von der Wahrheit des Menschlichen, einer Wahrheit des Menschlichen, des Schmerzes, der Lust und des Verlusts. Im Taumel durch die Zeit, zwischen Identität und Transformation begriffen, wird der Nebel zur plastischen Größe einer Wende des Selbst.
Das wahre Plauen ist verborgen in diesem Raum, in den nur wenige wieder vordringen können, sobald sie ihn einmal verlassen haben. Ein Zug in Richtung Abstellgleis war der Trick, den es benötigte: den Fokus nicht verlieren! Am Gleis 7 stehen alle ostdeutschen Wanderarbeiter und werden weiterhin belächelt; daneben ein Schild, auf dem zu lesen ist „Kein Rückfahrtticket gegen Begrüßungsgeld“.
Tröstet sie, sich in ihrer Angst vereint zu wähnen? In der ausgesuchten Einsamkeit, der ich hier, mittels einiger nervöser Striche, nachjage, mit jedem Zeilenumbruch; deren Spuren ich suche, weil sie die letzten Fragmente einer vergessenen Welt sind, die mir nicht nicht gehört hat. Siehst du jetzt, wo die Fäden zusammenlaufen, die uns verbinden? Folge ich ihnen, folge ich der Lust, die Zeit zurückzudrehen, nicht weil ich lieber an diesem anderen Ort wäre, sondern um zu verstehen, was von mir übrig ist. Also keine Sorge, ich erzähl's dir, nur damit de wasst wo iech herkomm'.
Auch für mich ist es kein Leichtes, diesen Glitch zu ignorieren, der uns die Sicht abrupt verdirbt, der mir die Illusion nimmt, dass hier irgendetwas echt ist. Doch tatsächlich ersteht die Innenstadt in der Dämmerung eine stummschreiende Hermetik, sobald die orangefarbenen Straßenlichter die Häuserfronten im tinto ersäufen. Wohlwissend welches Schnabernacks es zu treiben bedarf, um mich fortzuführen, ziehen die Straßen mich hinaus; so überquere ich die Friedensstraße und nehme jede Stufe auf dem Weg zum Bärensteinturm hinauf einzeln. Niemand außer mir ist noch unterwegs, und so bin ich der einzige hier oben, der die Schatten auf der Kaiserstraße wachsen sieht, sich Zeit nimmt, ihnen seinen Blick schenkend; bis sich mein Plauen als von ihnen erfüllt begreifen lässt.
Fülle, das ist Leben. Die Abwesenheit ist das, was vor und nach dem Auftauchen ist. Wirfst du deinen Blick von hier oben, erkennst du, dass alles, was nicht erfüllt, Tod heißt. Meine Furcht galt also nie dem Verschwinden des physischen Körpers, sondern dem Verschwinden der Dinge, die mich im uns bedingen: die uns, als Kontingent begriffen, bedeuten.

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Friday, October 13, 2017

Genussmensch

Beim folgenden Text handelt es sich um einen Auszug einer Fortsetzung zur kleinen Italienreise.
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Er war nicht sehr groß, hatte aber den Gang und die Kopfhaltung von großgewachsenen Menschen. Seine hageren Wangen waren glattrasiert, seine Schläfen ließen hier und da bereits einen goldenen Schimmer erkennen.
Ja, man konnte schon sagen, dass Denis ein Genussmensch war. Genussmensch, sagen wir leichtfertig, aus einem Gefühl heraus, insofern lässt sich der empirische Wert dieser Grille im besten Fall als äußerst unscharf bezeichnen, jedoch des Modus wegen wollte ich einmal noch auf diesem Wege die Chance auf eine leise Entschuldigung in Richtung des Lesers nutzen; doch sprachen wir vom Gefühl und das, nun ja, mag doch manchmal täuschen: Es ging einher mit Wielos auffallend angestrengtem Bemühen, seine Mundart zu verbergen, was ihm natürlich nie gelang. Seine Versuche zeichneten sich darin aus, dass er, dem Hochdeutschen untypisch, alle Endungen mit betonten Lauten aussprach (Leh-ben), wobei er sich jedoch derart abgehackt ausdrückte, alsdass man auch sonst ohne weiteres vermutet haben müsse, der Mann sei entweder in einem bewusstseinserweiterten Zustand oder eben das zuvor erwähnte träfe zu. Im Weiteren werden wir daher des Öfteren dazu geneigt sein, die Einfärbung der uns dargebotenen Sprache, obgleich es sich dabei nicht immer nur um Wielos Darbietungen handelte, abzuzeichnen, der Würze wegen und der Freude daran; und weil der kleinen Unendlichkeiten, soll heißen: der Vielfalten im Kleinen, hierbei auch gedacht sein soll.

Denis war ein Lustmensch aus denselben Gründen, weshalb wir ihn an Bord geholt haben; für unser Unternehmen war er unverzichtbar, denn: Wir würden uns von ihm entführen lassen. So leitet sich denn auch die Verführung vom althochdeutschen firfuoren her, mit welchem wir hier gern vom Hinübertragen, Fortgehen, Übergehen sprechen wollten. Wielos eigenen Motiven war ich zu dieser Zeit noch immer auf der Spur, zu deutlich schien die Angst vor einer plötzlichen Absage auf die allerletzte Minute noch aus mir hervor, die mich allerdings im Gegenzug damit entlohnte, dass ich meine Androhung, wir würden gleich jeden Wetters starten, wohl auch hätte in die Tat umsetzen können. Obwohl wir jetzt hier waren und es im Begriff war loszugehen, wusste ich nicht, ob der Plan noch stand, doch dazu später Ausführlicheres. Wir waren geneigt, Denis einen Lustmensch zu nennen, einen Lustmensch dergestalt aber, der einen Kaktus sieben Wochen lang mit durch den Schwarzwald hindurchträgt, den gesamten Westweg zu Fuß, den Kaktus pflegend, halb aus Spaß (und halb der Ironie wegen).
Beim Westweg handelt es sich übrigens um den ältesten Wanderweg Deutschlands, welcher sich von Pforzheim nach Basel über ungefähr 285 Kilometer erstreckt. Nach Wanderungen in Europa war Südamerika dran, danach der Himalaya. Auf seine aufregendste Reise angesprochen, wird uns Denis im Laufe des Tages noch verraten, würde ihm Nepal in unbeschreiblicher Erinnerung bleiben.


In der Tat, wir hatten unseren Sherpaführer gefunden, der uns Landratten im Hawaiihemd einmal mitnehme würde, uns seinen Blick schenkend; und ja: Er war ein Genussmensch! Das stimmte, doch der Genuss den er suchte, war der Genuss in seiner fragmentiertesten Form; ein Meer aus Genüsschen, die ihren Ausdruck auch im Exzess der Sprache finden, bei dem es nicht darum geht die Dosis zu erhöhen, sondern sich selbst, nachdem man verstanden hat was es bedeutet, nichts zu haben, scheinbar, lediglich den Gedanken daran haltend, es sei ein großes Glück einmal die Perspektive einzunehmen, aus der schon eine Dusche auf der Haut als derjenige Luxus begreiflich erscheint, als der er üblicherweise zu übersehen gepflegt wird; der er aber zweifellos ist. Anstatt sich also dafür zu schämen diese Begriffe entdeckt zu haben, schafft man einen Genuss daraus – dieser war es, der Denis zum Genussmensch machte. 

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Monday, July 4, 2016

Eine kleine italienische Reise

(Vorbemerkung d. Autors:
das folgende Reisetagebuch entstand im Rahmen eines spontanen Ausflugs
nach Italien. Das Original wurde hier lediglich übertragen.)

10.06.16 Nachtstück
An Dir will ich mich verausgabt haben
Mit rabenfrohem Lachen,
suchte den Schwarm,
suchte die ganze Nacht hindurch, suchte
dies Gefühl, zum ersten Male
und doch: erneut.
Auch ich in Arkadien

"Rabenfroher Arkadien-topos". Der Tod ist, oder lauert vielmehr, stets im Hintergrund der Vorstellung des Liebenden. Barthes sagt, der Liebende strebe ein Paradoxon an, nämlich die Erfüllung des "Höchsten" und damit seine implizite Wiederholbarkeit, bzw. mehrfache Existenz. Er möchte etwas Ewiges, über den Tod hinaus Gültiges.

Ich möchte dieses Heft nutzen, um die Reisen zu reflektieren, die mir veräußert werden, und zwar durch und mit Menschen, deren Bekanntschaft ich nicht schicksalhaft nennen mag, deren Anwesenheit (vielmehr Verortung) in meinem Leben in mir das Gefühl jedoch evozieren, im Sinne Thoreaus das "Mark des Lebens" zu saugen.
Schicksal ist kein für mich gültiges Motiv, denn nur ich, und dabei bin ich mir in dieser Aussage der Unmöglichkeit einer Autonomie meines Selbst bis in die letzte Faser bewusst, nur ich sehe und genieße das Leben, welches ich aus den Menschen um mich herum schöpfe und denen ich mich im gleichen Augenblick veräußere – und das ist die Voraussetzung – aus dem einfachen Grund, weil ich das (Leben) sehen will. Und sollte ich dafür zum Wolfe werden müssen, das Leben ist mir kostbar.
Gleichzeitig, und dieses ist ein Kunstgriff, will ich alles mit Bleistift schreiben. Sollten die Notizen verschwimmen, so entspräche dies doch nur einem verblödeten Gedächtnis und auch Du, der Du dieses Heftchen liest, wer und wann auch immer Du sein magst, bekommst nur den Ausschnitt des Ausschnittes zu Gesicht, den Du aus meinen Worten herauszufiltern imstande bist. Das soll Dir also immer eine Lehre sein und Dich erinnern, dass du niemand bist, wenn du nicht spielst. (Das hat einmal Klaus Kinski so ähnlich formuliert).
Meine erste Reise führt mich nach Verona und Bardolino, Arkadien ist darum im mehr als doppelten Sinne ironisch, angesichts der Tatsache, dass ich hier gerade "Reiseliteratur" produziere. Goethe ist darum bereits im Gepäck, ich hebe mir die Kapitel zu Verona für morgen auf.
Ich erhoffe mir zur Poesie zu kommen, doch in erster Linie möchte ich sie begreifen und nicht betrachten. "Literatur ist nunmal nicht für das Auge gemacht"; ich fühle mich voll frischer Geister, lasst mich endlich fort! Fort von dieser mechanisierten Roboterfabrik des Westens, auf zum Ursprung, noch pathetischer: Et in arcadia ego.

11.06.16 Grillenzirpen
Um vier Uhr in der Früh stehe ich auf. Der Wecker überrascht mich dabei zwar ein bisschen, weil ich mir gestern noch das Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft anschauen musste, doch nachdem ich die typischen Prozeduren durchexerziere, die mir mein Vater mal beibrachte als ich ein Kind war (das hat mit viel eiskaltem Wasser zu tun), geht es schon viel besser. Ich habe ein nervöses Herz, ich bin daher "putzmunter", wie man so schön sagt.
Ungefähr eine Stunde später sitze ich bereits mit David auf dem Weg zum Flughafen Schönefeld in der Bahn. Da mich ein ungutes Gefühl beschleicht, was den Verbleib von Tim angeht, entschließt David sich, ihn vorsichtshalber anzurufen. Es sollte sich später herausstellen, dass er Tim mit diesem Anruf tatsächlich weckte. Ich wünschte ich könnte sagen, ich sei überrascht davon gewesen. Am Bahnhof Schöneweide wechseln wir die Bahn und während wir ausharren machen wir das, was David mir gegenüber "legalizen" nennt.
Dieser Morgen in Berlin war mild, wie schon die ganze letzte Woche, was scheinbar eine Ausnahme darstellte hinsichtlich der übrigen Regionen Deutschlands.
Als wir später an unserem Gate ankommen, stehen die Leute bereits in der Reihe an, was uns nicht aufhört zu wundern, da wir noch ein gutes Stück zu warten hatten. Wir beschließen sitzen zu bleiben, wo es angenehm ist, nämlich im "priority" Bereich und ziehen es vor, darüber zu diskutieren wie sehr der Flughafen dem "Lager als Nomos der Moderne" gleicht. Als das Gate dann öffnet, stellen wir uns nach kürzester Zeit mit zu den "priority" Kunden, ohne für diese "Option" überhaupt gebucht zu haben und werden einfach mit durchgelassen.
Im Flugzeug sitze ich neben David, welcher bemerkt, wie eine junge Frau mit ihrer Tasche und dem Rucksack an allem hängenbleibt, an dem sie vorbeigeht, einzig weil sie ihr Smartphone nicht beiseite legt. Die seltsame Pose der Hand, diese abgewinkelte, krampfhafte Pose ist im Prinzip, und dieser Vergleich bereitet uns große Freude, die moderne "Denkerpose" oder hat diese eigentlich abgelöst. So wie das Denken abgelöst wurde. Das tiefe Nachdenken gerät in Vergessenheit; es ist zu einer unnötigen Unbequemlichkeit geworden, die den post-modernen, neoliberalen "Mensch" nur davon abhält das zu tun, wofür er auf die Welt gekommen ist, nämlich um zu konsumieren und die Fresse zu halten, wenn es wichtig wird. Vielleicht darf er dabei mitdiskutieren, wenn es um den Ausgang der Fußball-Europameisterschaft geht, worin er sich dann konsequent ereifert und in solch einem Mikrokosmos allerlei innere Logik und Identifikationspotenzial zu finden vermag, aber das ist ihm doch in Wahrheit nur gestattet, weil es der größeren Maschinerie dient. Vermutlich werden im Schatten dieses sportlichen Spektakels wieder einmal die aberwitzigsten Verträge und Gesetze beschlossen. Brot und Spiele, wie bei Juvenal, da hat sich nicht viel geändert, scheint mir. Ich will jetzt nur noch weg.

Kurz vor der Landung in Bergamo geraten wir in Turbolenzen. Die Vibration in der Kabine weckt in mir Szenen aus Spielbergs "Hook". Robin Williams, Peter Pan, hat Flugangst. Er ist inzwischen ein fetter, unzufriedener Anwalt geworden und hat vergessen, dass er der Pan war. Die Kinder machen sich einen Spaß daraus, doch er bleibt erstmal verhaftet (sitzen). Eigentlich erfreue ich mich in meinen Gedanken nur der Idee, wie das Team für Effekte die Vibrationen so toll imitieren konnte.
Wir schaukeln jetzt hin und her, ich taumele im Nichts, nach draußen kann man nicht sehen, alles graue Suppe, Ursuppe. David zieht es vor, die Augen zu schließen, er hat vielleicht ein bisschen Angst. Was, wenn's hier zuende gegangen wäre? Da dachte ich wieder an das Gedicht, das ich
jemandem zum finden daließ und das beruhigte mich irgendwie. Die Vorstellung es gäbe Ungesagtes scheint für Viele ein Problem darzustellen, dabei ist es doch ganz natürlich: die Sprache ist unendlich. Der menschliche Geist ist es zugegebenermaßen nicht, aufhören zu sprechen fällt bei mir trotzdem kategorisch aus. Es wäre also doch nicht schön, hier schon Schluss zu machen. Ich muss weiterschreiben, weiterleben.

In Bergamo geht die Welt unter. Einen solch starken Regen habe ich bei einer Landung noch nie erlebt. Sie bringen Busse, um uns zum Terminal zu fahren. Ich kann kaum glauben, dass die Landebahnen nicht schließen müssen. Putzige Naivität. Die Wunder der Technik eben. Wir nehmen einen Espresso und haben, als Antonia uns abholt, noch vielleicht zwei Stunden Autobahn vor uns. Dieser Regen scheint alles wegzuspülen. Man sieht nichts, keine Alpen, keinen Himmel, keine Straße. Nur Wassertropfen hämmern auf die Windschutzscheibe. Ich sitze vorn und unterhalte mich mit Antonia, die mir berichtet, dass bei ihrer Hinfahrt sich nur die Schweizer trauten, einen anderen als den rechten Streifen zu benutzen. Die schweizer Autobahngarde, auch die Sintflut würde diese tapferen Soldaten nicht vom Badengehen abhalten.
Wir machen Rast an einem Autogrill für Brioche und Cappuccino, der Regen hatte sich zwischenzeitlich beruhigt. In der Ferne sehe ich Licht, die Wolkendecke scheint in nicht einzuschätzender Entfernung aufzubrechen. Wir alle atmen Bergluft auf der Autobahn. Die Italiener trinken ihren Caffè sehr schnell, erklärt mir David: "That'show these places work: they get their coffee, drink really, really quick, and then fuck off again.", ich bin beeindruckt. In der Tat habe ich mich nicht erinnern können, jemals eine Kaffeetheke solchen Ausmaßes gesehen zu haben. Es herrscht reger Betrieb, es ist eng, laut; die Menschen sind gern hektisch. Sie kommen und gehen, so scheint es, im Sekundentakt. Hier nimmt das Leben an Fahrt auf, schließe ich. Ich will nur noch runter von der Autobahn, weg von alledem, mit meinem nervösen Herzen.
Je mehr wir uns Verona nähern, desto freundlicher scheint mir das Wetter zu werden. Antonia und ich sprechen jetzt über Goethe, sie erklärt mir, dass Neapel ihre "Nummer 1 in Italien" ist, dass sie "ein bisschen lachen" musste, als sie Goethes Beschreibung zu Verona und Florenz las (sie studierte einmal für ein Jahr dort), und dass sie Mailand nicht möge. Ich erinnere mich gehört zu haben, Goethe habe vorgehabt eine Weile in Florenz zu verbringen, es jedoch in seiner Ungeduld, endlich nach Rom zu gelangen, dort nicht länger als ein paar Stunden ausgehalten hat. Antonia sagt, Verona sei das "kleine Rom", was ich so noch nie gehört habe, aber auch nicht verneinen kann.
Rom erscheint wieder vor meinem geistigen Auge. Von all den Reisen war mir Rom am liebsten und teuersten geblieben. Jetzt Verona. Wir bleiben beinahe den ganzen Tag in der Stadt und genießen jede Kerbe, jeden Ammoniten, im veronesischen Marmor, mit dem praktisch die komplette Innenstadt gepflastert ist; er ist von einem kostbaren rötlichen Farbton. Wir steigen im Teatro Romano umher, wandeln über die berühmten Pontes, sehen die "Arena", statten dem lieben Dante einen Besuch ab, essen Panzerotti und trinken italienisches Bier. Es wird deutlich wärmer jetzt, die Sonne zeigt sich gegen Nachmittag, was mir so sonderbar vorkommt. Unter dem starken Regen, den ich durchaus intensiv genoss, schien die Flora aufzuatmen. Die Luft war jetzt frischer als ich sie lange erlebte (oder war das meine romantisch verzerrte Wahrnehmung?), Verona zeigte sich ebenfalls erholt und die mittelalterlichen Gebäude im Zentrum der Stadt, um den Piazza delle Erbe erzählen mir auch vom Antisemitismus, der sich durch unsere Geschichte, und seine Schlieren zieht, vielleicht um uns zu beruhigen und den Verdacht in uns zu beschwichtigen, es könnte die Angst vor dem Leben sein, die uns das Konzept der Fremdheit erleben lässt. Auch in Verona gab es schon immer Luft zu atmen, wie überall. Heute schmeckt sie mir dennoch süßer als sonst.
Ich gehe nah an einige Bäume heran, fühle ihre Rinde, rieche an ihnen. Es riecht wie im Garten meiner Großeltern. Es gibt Zypressen, Kastanien, Magnolien. Entlang des Etsch Flusses spazieren wir und unterhalten uns gut. Wir pissen ins Gebüsch, direkt am Ufer, mit Blick auf den Ponte Pietra. Am Abend nimmt uns Antonia mit auf ihr Landhaus, wo wir diese Nacht verbringen werden. Dazu holen wir Charlottes Auto (macchina) von einem Parkplatz, welches ich dann fahre.
Ich folge ihr und liebe den alten, zerbeulten Clio auf den ersten Blick. Jeder, der mich auch nur im Geringsten kennt, weiß um mein Faible für alte Schrottlauben. Ich genieße es wieder zu fahren. Ich fahre zwischen Weinbergen, fahre wieder zwischen Lauffen und Neckarwestheim umher. Reise in der Reise.
Antonias Landhaus liegt auf einer Anhöhe nahe Bussolengo. Aus der Ferne hört man Glockenläuten, um das Haupthaus liegt eine Pferdekoppel. Man sieht von hier aus schon den Gardasee. Bereits beim Einbiegen auf das Gelände werden wir überfallen von einem Rudel scheinbar wildgewordener Hunde. Es sind natürlich Antonias Hunde, die um die noch fahrenden Autos herumtollen, als seien sie ihre Spielgefährten. Man sieht die Freude ganz deutlich mit den Augen, wenn sie in die Luft springen und mit dem Schwanz wedeln; als Gäbe es keine Schuld auf der Welt, so freuen sie sich. Ich freue mich mit.
Da das Haus genügend Zimmer bietet, beziehen wir jeweils eines zu zweit. Nachdem ich jedoch die Bücher und mein Waschzeug aus dem Koffer gepackt habe, zieht es mich wieder nach draußen. Wir sitzen alle zusammen und unterhalten uns, essen Pizze, trinken Bier oder Michelada. Später gehen David, Tim und ich ein "Trolla" rauchen. David! Danke, dass ich hier sein darf. Kurz darauf gehe ich allein auf's Zimmer, nur für einen Augenblick, um mich zu vergewissern, dass ich das hier alles wirklich erlebe. Das Grillenzirpen ist allgegenwärtig, doch niemals lästig, es ist schon dunkel geworden. Nachdem England unentschieden spielt, gehen wir zum Rauchen raus und ich sehe seit vielen Jahren wieder einmal Glühwürmchen. Und schon wieder bin ich im Garten meiner Großeltern.
Tim sah sie heute das erste Mal. Das Glühen ist der schönste aller Grüntöne. Ich glühe ebenso, ich spüre es ganz deutlich. Es ist ein großes Glück, hier zu sein.

12.06. "Jeder ist ein Gedankenkoch"
Nach meinem Erwachen in der Früh, alle anderen schlafen noch, mache ich mich daran, die Erlebnisse des Vortages herunterzubrechen, bemerke dabei auch bald, dass man Gefühle nicht schreiben kann, aber manchmal sehen, also auch lesen. Das klingt paradox, doch so ist es eben nunmal. Gestern meinte ich: "Wer nicht sprechen kann, der muss schreiben und wer nicht schreiben kann, der muss eben tanzen.", mal sehen, was davon ich heute machen werde. Es ist fast 9.00 Uhr, als ich diese Zeilen fertigschreibe. Antonia ist bereits am Pferdegatter gewesen. Es wird noch Zeit sein ein wenig zu lesen. Endlich, endlich lesen! Was der alte Goethe wohl in Verona gesehen haben mag? Das wird mir sein Buch leider auch nicht zeigen können. Heute fahren wir nach Bardolino. Man hört die Vögel zwitschern, hier und gelegentliches Donnergrollen. Ich gehe nur noch barfuß, jetzt.
Gerade als ich mich mit einem Panino und einer Flasche Wasser nach draußen begeben und es mir gemütlich machen will, werde ich von Lala begrüßt, die im Prinzip Charlottes Zwilling sein könnte. Ich komme also nicht zum Lesen, dafür doch zu einer angenehmen Unterhaltung und sie
erklärt mir, dass der See auf sie jeden Tag aufs Neue seine "Magie" ausübt, weil sie sich das ganz bewusst bewahrt habe. Leider ist es wohl so, dass die Dinge, die einen umgeben, schnell zur Gewohnheit werden und der ungeübte Geist sich allzu leicht abstumpft. Bei ihr sei das anders und das glaube ich ihr für den Moment.
Eine kleine Weile später setzt sich David zu uns, die anderen schlafen noch immer, so scheint's. Er und Lala kommen ins Gespräch über was zu rauchen und als David das ganze abnickt, glänzen Lalas Augen und sie springt vergnügt davon, um uns kurz darauf wieder abzuholen. In der Zwischenzeit ist auch Tim munter geworden und begleitet uns auf unserer kleinen Wanderung über die Wiesen. In der Ferne sieht man jetzt tiefenverhangene Wolkengebirge, der Wind geht stark und bläst uns bald ins Gesicht, es donnert jetzt öfter und man sieht ganz deutlich, wie der Regen sich über den See ausbreitet, ihn nach und nach verschluckt, während die Affen im nahegelegenen Tierpark das Spektakel lautstark kommentieren.
Meine Füße werden vollständig bedeckt mit Gras, es wachsen Mohn und Kamillen und wilde Kräuter, gerahmt von Disteln; es dauert jetzt nicht mehr lang, bis uns das Unwetter erreicht. Man kann es direkt beobachten, wie es zu uns herüber möchte. Komm herüber zu uns! Hier würde es Dir gefallen, lieber Regen. Doch der Regen streift uns lediglich, wir stehen
wieder draußen vor dem Haus und wenn wir die Ohren hinhalten, können
wir hören, wie die Wassermengen auf den See prasseln. Ein wahrhaft
begeisternder Klang!
Ich nehme meine Gedanken mit zum Frühstück, wo es Caffè gibt, den Tim "in weiser Voraussicht" bereits aufsetzte, bevor wir losgingen. Dazu pflücken wir uns noch einige Kirschen und Maulbeeren im Garten, wo Antonia die Bäume voller Früchte stehen hat; und ich fühle mich wie die Glücksmarie, leiste dem Bäumlein und mir einen Gefallen und koste reichlich von den dunklen, vollen Früchten. Beim Frühstück selbst herrschte lange Zeit Ruhe. Jeder von uns konnte die vielen Eindrücke des Vortages revue passieren lassen. Als Antonietta sich schließlich zu uns setzte, überlegten wir, was wir für den heutigen Tag alles planen wollten. Offensichtlich hing das Spiel der deutschen Nationalmannschaft wie ein drohender Zeigefinger über unserer Agenda; es galt, alles andere vorher zu lösen. Schließlich entschlossen wir uns bald nach Bardolino aufzubrechen, mein Herz machte einen kleinen unschuldigen Sprung, ich fühlte mich wie Lala und begriff allmählich.
Auf dem Weg in unser neues Haus fahre ich wieder Charlies Auto. Wir sind diesmal nur zu viert, haben all unser Gepäck in dem winzigen Kofferraum unterbringen können. Es geht zunächst über Lazise, man sieht den See jetzt von der Ostseite aus sich über das gesamte Sichtfeld erstrecken und die Berge zeigen sich ebenfalls bereits wieder; die Sonne scheint hier liebend gerne Überstunden zu machen. In Bardolino strecke ich beim Fahren den linken Arm aus dem Fenster, die Luft ist frisch und ich fühle mich angekommen. Es ist wieder wie Gestern, ich spüre die Erfüllung einer tief in mir schlummernden, unaussprechlichen Empfindung und kann nichts als darüber zu seufzen. Hier gerät die Sprache, so scheint es, an eine Grenze (also doch!).
Wir fahren ohne Musik, die Sonne und der Ausblick klingen vielversprechend genug für uns. Das Ferienhaus liegt auf einer Anhöhe, etwa einen halben Kilometer vom Ufer entfernt; man hat einen herrlichen Blick über die komplette Südseite des Gardasees. Wir verlieren nicht zuviel Zeit uns einzurichten und begeben uns direkt nach draußen, wo Tim und ich bald Tennis spielen, bald im Pool uns erfrischen; es ist jetzt warm genug. Ich will alles tun, alles erleben. Es gibt auch soviel zu tun, zu erleben, hier. Man fühlt sich wie ein Kind im Spielzeuggeschäft: diesmal läd uns die Natur ein, ihre süßesten Früchte zu probieren, was sich längst überfällig anfühlt.
Wir schmieden Pläne, wir ereifern uns, greifen uns Touristenführer, Karten, Kunstkataloge aus den Regalen, machen noch ein Bier auf. Eigentlich müssten wir das Auto stehen lassen. Eigentlich. Am Abend setzen wir uns in Lazise am Ufer in ein Restaurant, auf Empfehlung von Antonietta. Wir bestellen Meeresfrüchte, es gibt: Oktopuspastete, Schwertfischfilet, kostbaren Lachs, geräucherte Forelle, Kabeljau und Krakensülze, danach nehmen wir Pizze. Die Terrasse des Restaurants "Classico" befindet sich im ersten Stock, wir sehen von dort aus also auch die vielen Passanten, die den Segelbooten im Widerschein der golden gewordenen Sonnenstrahlen zuwinken. Gelegentlich fliegt ein ferngesteuertes Miniatursegelflugzeug an uns vorbei... ich genieße nur noch, "ich lasse machen" (den Ausblick möchte ich nicht weiter unzureichend beschreiben).
Ich fühle mich meiner Welt mehr und mehr entrückt, hier fehlt es einem an nichts und David meint zu mir, dass die Menschen schreiben, wenn es ihnen gut geht. Ich bin mir da zwar nicht so sicher, was mich angeht kann ich es aber auch nicht verneinen. Vielleicht brauchen wir den Kontrast der Enge, bevor wir die Empfindungen, zu denen wir in der Lage sind, für andere halbwegs nachvollziehbar aufzuzeichnen imstande sind. Denn all das ist auch Einladung für den, der es liest. Ich erinnere mich an einen Ausspruch Tims von heute morgen, als wir beide barfuß über die vom Tau noch feucht glänzenden Wiesen schritten. Er sagte: "Jeder ist ein Gedankenkoch.", was darauf bezogen war, dass wir letztlich doch alle unser eigenes Süppchen köcheln, essen in Gesellschaft aber noch mehr Spaß macht. Ich teile mein Essen gern und erinnere mich an Madrid und was das bedeutet, was es wirklich bedeutet, zu essen, zu verinnerlichen. Das Leben ist das größte Faszinosum, weil es sich stets zwischen totaler Enge und Freiheit bewegt, wobei weder das Eine noch das Andere jemals erreicht werden kann. Je mehr wir uns jedoch bemühen, uns anstrengen, richtig zu leben, in je mehr kaltes Wasser wir unser Gesicht morgens tauchen, desto heftiger scheinen wir zu erwachen. Die typischen Prozeduren eben.
Später ist es dunkel, Deutschland hat gewonnen, aber wir jubeln nicht. All das wirkt einfach gerade zu weit weg, berührt uns nicht mehr. Stattdessen wandeln wir auf den Spuren Napoleons, der einst (und das ist nicht einmal zu lange her) die Straßen Veronas hat verbreitern lassen, damit man eine Parade zu seinen Ehren veranstalten konnte, eine, die "seiner würdig" war. Wir erobern keine Nationen mehr, das wirkt absurd, als beinahe kindisches Gedankengut. Was wir stattdessen wollen, ist uns unter diesem Sternenhimmel wiederfinden. Auch nachts ist es angenehm warm. Dann regnet es vertikal, der Wind steht still. Ich gehe schlafen, ich meine kochen.

13.06.16 Geradeaus bis zur Dämmerung
Frühs brauche ich meine Uhr noch, ich (muss) darf nicht zu lange liegen, mich nicht an Bequemlichkeiten gewöhnen. Zu David sage ich später am Pool: "I grew tired of sleeping", die Zeit existiert eigentlich nur morgens. Ich setze mich als erster an den Pool, die Garnituren sind noch feucht. Ich rekapituliere den gestrigen Tag und finde mich erneut hier, zwischen den Tagen, um zu schreiben. Alles verschwimmt auf merkwürdige Weise, man nimmt weder Anfang noch Ende zur Kenntnis und verlangt auch selbst nicht wahrgenommen zu werden.
Als mich David draußen antrifft, erzähle ich das erste Mal von meinen Reiseaufzeichnungen, und dass ich gerade bei unserem Gespräch über die Inspiration bin. Daraufhin nehmen wir einen Espresso (wie viel Kaffee ich hier trinke!) und erzählen uns Geschichten. Er berichtet vom "Ludwig case", bei dem eine Serie von Morden begangen wurde, hier am Gardasee. Die genaue Zahl der Morde ist nicht bekannt, da es sich bei den Opfern teilweise um "Illegale" handelte. Der Verurteilte gab an, er wollte die Umgebung "reinigen". Obwohl er zu dreißig Jahren verknackt wurde wird angenommen, dass er in Wahrheit einen einflussreichen Kingpin habe decken müssen. Keine Ahnung ob diese Geschichte die Realität von mir entrückt oder sie tatsächlich näher bringt. Kein Bedarf auf Antwort, danke.

David ist als Kind einmal derart von einer Schaukel gefallen, dass ihm auf seinem Kopf dabei eine Delle blieb. Kinderknochen sind recht biegsam, daher trug er lediglich eine Gehirnerschütterung davon; abgesehen von der deutlich spürbaren Delle auf seinem Kopf eben. Ich fühle artig nach, als er meine Hand nimmt und sie an der entsprechenden Stelle seines Kopfes entlangführt. Heute lasse ich mich führen, beschließe ich plötzlich, obwohl ich weiß, dass ich der einzige mit Führerschein bin. Manchmal stehe ich neben mir, das scheint mir mittlerweile immer leichter zu fallen. Es wird Zeit, ich muss in den Pool, die Sonne ärgert mich bald zu sehr; sie neckt mich gern, ich lasse es mir aber gefallen. Schwalben fliegen niedrig über das Wasser.
Bald darauf spiele ich wieder eine Runde Tennis mit Tim, die Hitze legt sich am späten Vormittag schon bleiern auf unsere Körper, aber wir haben ja noch das Schwimmbecken. Das Wasser ist besonders sauber, worauf hier auch jeder achtet; es befindet sich kaum Chlor im Wasser, jedenfalls merkt man davon nichts.
Antonietta klärt noch einige Kleinigkeiten mit uns ab für morgen früh, mich packt dann jedoch schon wieder die Ungeduld und ich schicke meine Männer an, endlich loszufahren. Wir sind kurz darauf unterwegs und ich spüre diese Rastlosigkeit wieder. Es macht mir Spaß, uns hier keine Ruhe zu gönnen. Wie Goethe, muss ich sagen, geht es mir um die Dinge, die erlebt werden wollen, nicht nur beschrieben. Also sei auch Du nicht traurig, wenn ich Dir hier die schönsten Momente nicht zu zeigen in der Lage bin.
Es geht heute nach Norden, den Gardasee entlang, über das gleichnamige Städtchen zunächst nach Albisano. Antonietta bestand darauf, uns hierher zu schicken und in der Tat genießen wir einen hervorragenden Ausblick auf den Lago und Napoleons Nase an einer Stelle, die nur den Einwohnern und wenigen anderen bekannt ist. Obwohl die Atmosphäre "geradezu prächtig anmutet", treibt uns die Neugier bald weiter über Brenzone nach Malcesine, wo wir das Auto dann fürs Erste abstellen.
Malcesine ist das malerische Örtchen, an dem Goethe nachts wegen Unwetters anlegen musste, es jedoch ebensowenig bereute, wie wir. Die Festung der Scaligieri befindet sich inmitten der Felsen und man hat einen fantastischen Blick auf die Alpen, die hier höchstens einen halben Kilometer vom See entfernt bereits derart in die Höhe wachsen, dass man den Kopf in den Nacken legen muss, um ihre Spitzen sehen zu können. Passend zu diesem Ausblick kosten wir ein Gelato, das von den Anwohnern hier in traditioneller Handwerkskunst in einer Waffel (cono – coni) serviert wird, wobei die nette Verkäuferin die Crème mit einem Löffel modelliert und auftürmt, damit sie den mit Schnee bedeckten Bergen gleicht, deren Dasein wir nun umso mehr genießen können. Es scheint als wüssten die Ansässigen wohl, der See und das Land gehöre den steinernen Zeugen, denen sie hier in allen Facetten ihrer beschäftigten, doch gelassenen Lebensweise Respekt zollen.
Am Castello entschließe ich mich die Wand hinunter zum Ufer zu steigen, springe also kurzerhand über die Brüstung, nicht ohne Tim vorher zur selben Dummheit anzustiften. Unten schlagen die sanften Wellen der vorbeifahrenden Boote gegen die Felswand. Ich begegne einer Handvoll Enten, die ich begrüße (ich spreche ihre Sprache, bin jedenfalls kurzzeitig davon überzeugt). Man watet durch Wasser, natürlich barfuß.
Nach einer Weile treibt uns der nun merkbar gewordenen Hunger tiefer in das verwinkelte Örtchen. Es stellt sich heraus, dass die meisten Pizzerien über die Mittagszeit geschlossen haben, finden dafür aber eine Focacceria mit Namen "Peter Pan", die so klein und erbaulich, wie liebevoll vertraut wirkt. "Am zweiten Stern rechts, dann geradeaus bis zur Dämmerung". Mit diesem Vorsatz geht es weiter, doch schnell noch ein Espresso!
David erklärt uns, dass man die vor allem nach dem Essen nehmen muss, was ich logisch finde und mich über die kleinen Lebensweisheiten freue, die wir uns über den Tag hinweg gegenseitig erzählen. Die Dame aus dem Pan sei im Übrigen Kubanerin. Auf Davids Frage, ob es ihr hier in Italien gefalle, antwortet sie: "No!", um direkt im Anschluss darauf in lautes Lachen zu verfallen. Wir fallen hinterher, lassen uns fallen, wissen wieder was es heißt, Kind zu sein, die Sonne, das Wasser, das Vogelgezwitscher zu lieben. Es ist endlich soweit, wir spielen wieder.

Entlang des Sees, immer Richtung Norden, durchfahren wir die Tunnel, in denen sich das Licht verschleiert. Eine diffuse Helligkeit als Metapher auf die wirkliche Wahrheit, auf die wir uns zuzubewegen glauben. Der Wind bläst jetzt breite Nebelbänke über die Bergspitzen, der Fahrtwind erinnert mich daran, dass der Moment zu flüchtig ist, um ihn tatsächlich in einem Rahmen zu fangen.
Wir passieren Riva, halten jedoch nicht einmal an, denn wir wollen mehr. Antonietta wird später sagen: "Der Lago di Garda war euch nicht genug.", doch zunächst müssen wir noch die Gebirgskette hinauf; es geht in steilen Serpentinen und der schwache Motor des kleinen Clio bemüht sich tapfer, unserem nervösen Drängen gerecht zu werden. Die Anstrengung lohnt sich aber: wir erreichen nach einiger Zeit, auf 570 Höhenmetern, den Lago di Tenno, welcher sich praktisch unberührt zwischen den umliegenden Bergen und Wäldern vor uns auftut. Sobald ich die Knöchel ins kalte Wasser tauche, bemerke ich kleine Forellen, die höchstens einen Meter entfernt von mir im Wasser schweben. Der den See umlaufende Wald bietet das ursprünglichste aller Panoramas, die ich je erinnern werde; das Wasser des Sees ist glasklar und von einem hellen türkisblauen Farbton. Wir verweilen kaum länger als eine Minute (glaube ich), da beginnt es leicht zu nieseln. Wir sind die einzigen am See und genießen das Schauspiel, denn es scheint als funkelten und verglimmten winzige Sterne auf des Sees Oberfläche. Der Himmel führt für uns im Angesicht des spiegelnden Wassers ein Stück auf, welches wir in völliger Stille verinnerlichen. Einzig die ein oder andere Forelle springt vergnügt, so scheint's, um dem Theater seinen Beifall kundzutun, aus den kristallin wirkenden Strukturen der Wasserebene empor, ganz neckisch, als wollte sie sagen: "Schaut mal, wie schön wir strahlen hier unten!". Wir blieben noch lange am See, versunken in Gedanken, hatten Freude an dem deutlich zu vernehmenden Echo und begaben uns allmählich dann zum Auto zurück. Im Regen glitten, flogen wir nach Bardolino. Es dauerte kaum länger als auf der Hinfahrt, dabei waren die Straßen nass und die Fahrer vorsichtiger geworden. In der Dunkelheit der Dämmerung sieht man die vereinzelten Dörfer auf der Westseite des Sees wie Pinseltupfer auf Aquarellbögen leuchten. Sie prasseln auf die Windschutzscheibe und verschwimmen, werden Eins, trennen sich wieder und zerfließen wie eine Traumlandschaft. Die Sonne hat Feierabend. Morgen heißt es Abschied nehmen, es wird ein Seufzer von einem Abschied sein.
(Italien schlägt Belgien 2:0).

14.06.16 Es wird wieder Zeit
Heute morgen habe ich es zu eilig, also schreibe ich, was mir zum gestrigen Tag einfällt, größtenteils im Flugzeug. Heute nahmen wir einen Kaffee und machten es wie richtige Italiener (we fucked off).Wir fliegen wieder.
Der Flug verläuft angenehm, doch dauert nicht lang genug, weshalb ich diesen Rest zuhause schreibe, als ich wieder Ruhe finde. Beim Ankommen in Berlin stelle ich noch deutlicher fest, dass ich im Grunde genommen nicht ganz einverstanden damit bin, jetzt zurück zu sein. Warum schon jetzt? Nur noch ein bisschen! Wie ein Kind, das nicht aufstehen will. Ich muss jetzt (wieder) erwachsen werden, muss mein Smartphone anstellen und damit posieren. Berlin empfängt mich ähnlich wie Bergamo einige Tage zuvor und ich frage mich, ob ich daraus auch eine Wiedergeburtsmetapher machen soll (abgelehnt).
Es heißt jetzt ankommen, um gleich weiterzumachen, denn es wartet ja das Neue auf mich. Ich bekomme Lust meine Geschichte zu erzählen, habe Lust auf all die anderen "Gegenstände", wie Goethe sagen würde. Ich habe mein nervöses Herz aus Italien zurückgebracht. Es ist diese Grille, die immer noch in mein Ohr schrillt, sie bleibt jetzt hoffentlich.

Wednesday, May 25, 2016

Prosadichtung

Da erinnerte ich mich auf einmal an ein solches Gespräch mit einem flüchtigen Bekannten, das muss auf einer Party eines Freundes gewesen sein. Er fragte mich nach reger Unterhaltung ob ich einmal den Steppenwolf gelesen hätte. Ich sagte nein (und habe ihn auch bis heut noch nicht gelesen). Ich erwiderte vermutlich, mit ekelerregender Arroganz, es sei nicht verwunderlich, dass ich auf ähnliche Gedanken wie der Steppenwolf käme, schwirre doch alles vorher schon Gedachte im Weltenraum der Ideen umher, so dass ich es quasi nur herausschöpfen müsse, oder ich sagte dass man sowieso "nicht mehr" das denken könne, was nur Einer denken würde.
Die Verwunderung in seinem Gesicht über diesen Umstand, das Nein auf die Frage, dann sein Blick, ist mir Anhaltspunkt genug, eine scheinbar schlüssige Verknüpfung zu Vergangenem herzustellen. Sein eigenes Gesicht hingegen bleibt für mich im Nebel. Wer war er bloß? Und sowieso, alles Grütze! Wie sollte, könnte, ich nur der Steppenwolf sein, wo ich doch genau ahne, dass mein Ich ein hoffnungsloses Mosaik aus Fragmenten all der Identitäten und Charaktere ist, denen ich in ihren zahllosen Inkarnationen bisher begegnete?
Seitdem ich denken kann fühle ich mich ohne Eigenheit, wie ein Kriechtier, das sich an den schon gedeckten Tisch setzt, bereit die Lorbeeren für Halbvergessenes einzuspeicheln, bereit sich köstlichst zu schaffen zu machen an der Bewunderung seiner naiven Zuhörer, nicht bereit sich dem eigenen Urteil zu entziehen, und das mit gewisser Absicht. Die goldene Zikade der Unzulänglichkeit, der Genuss am höchst elaborierten Masochismus; selbst der Herr Doktor Faust käme an dieses Maß an Selbstverstümmlung nicht heran, da müsste er sich schon weitaus mehr als bloß zwei Herzen aus der Brust reißen.
Dieses sprachliche Häuten geht dann immer so weiter: mal narrenhaft und spöttisch, dann wieder mit der Aviatik eines Wagners, von oben herab im Ganzen betrachtet; mit der Milde des Großvaters sich selbst exerzierend, im ewigen hin und her zwischen zwei Spiegeln: die Fraktalität eines temporären Ichs, das im hegelianischen Sinne immer seine eigene These wie auch Antithese verkörpert, diese alsbald wieder im Raum verschwinden sieht und Platz macht für die zwei Herzen, die sich in einer der beiden Bestandteile ihretwillen nun verborgen haben, bis das Ich sich in der Endlosigkeit verliert. Auswegloser Idealismus ist nichts für die, die ernsthaft glauben mit sich im Reinen zu sein. Daran muss man erst mal glauben können. Der Steppenwolf, das ich nicht lache.
Wenn überhaupt, bin ich das Inselchamäleon. Jede Stelle meiner Haut ist im steten Wandel und kämpft mit der Hommage gegen das Plagiat, das sie jederzeit vernichtend zu schlagen droht. Es kämpft indem es zitiert, es zitiert manchmal ohne zu ahnen, doch es ahnt, dass hinter dem Spiegel nichts wartet: kein Richter, kein Beamter, der einen Mitschnitt anfertigt. Das hier ist kein Verhör mit mir selbst, es ist das plumpe Eingeständnis der Ahnungslosigkeit nicht etwa gegenüber dem, was komme, sondern gegenüber der Möglichkeit, das vielleicht nie etwas war oder sein wird. Vielleicht macht mich der Gedanke schwanken, vielleicht, nur vielleicht, sehe ich dann kurz vor dem Sturz in den Abgrund noch einmal auf dieselben Muster "hinter" mir, um mich endlich von dieser auferzwungenen Reihenfolge alles Seienden abzuschälen. Das davor, danach, der Ekel, die Liebe, alle Dualität in ihrer zweckgemäßen Einfachheit, die die Mittelmäßigkeit unserer Gesellschaft nicht erst seit Jahrzehnten weitersegeln lässt. Ich löse mich davon wie von der Haut, die meinen Körper umschließt und uns allen vorgaukelt es handele sich hier um ein komplettes Ganzes in seiner Gesamtheit. Dabei mag man sich nicht ausmalen in welche aberwitzigen Richtungen die Verwirbelungen des Wassers driften, einzig weil es gerade jetzt die naturgemäße Form der Quelle angenommen hat.
Die Angst, die der Angst vor dem Tode gleicht, ist es, die mich den Steppenwolf nicht lesen lässt. Jedes geschriebene, schon gedachte Wort, das sich für mich wertvoll, ja gar als Schatz anfühlt, zertrümmert mein Mosaik immer mehr, bis es für meine schwachen Augen aus kaum mehr als Zwischenraum, Leere, besteht; zerfleddert mein Gewebe, tötet mich gewissermaßen fragmentarisch immer dann mit der Nüchternheit vor Operationen am offenen Herzen, wenn ich das Gefühl nach Autonomität herbeigesehnt habe. All die anderen Fragmente lachen und starren auf die kleine Scherbe, vor der ich dann Schiffbruch erleide. Alle liegen sie da wie sonst auch, versammelt um im entscheidenden Augenblick, ihrer Kaltblütigkeit willen, schadenfroh zu triumphieren.
Prinzipiell ist nichts mein eigenes und diese ist die stärkste Empfindung, die ich dem in mir schwelenden Ekel entgegensetzen kann. Der Ekel Roquentins, der Ekel einer ganzen Welt, die letzten Endes doch in Wahrheit mich verkörpert und nicht umgekehrt. Die ganze Welt, verborgen in einer Brust, einfacher: ganz für mich allein.