Episoden aus dem Leben.

Friday, March 27, 2020

Emprisonnement raisonnable V

27.03.2020
Es ist die Ruhe vor dem Sturm, heißt es. Der Wecker klingelt mich nicht zu sanft aus dem Schlaf, woraufhin ich mich, ganz langsam, in die Vertikale zwinge, gähne, mich strecke und ins Badezimmer schlurfe; mein Blick flüchtet am Spiegel vorbei, auf die Bastkommode, fixiert den daraufliegenden angefangenen Film. Von den zwanzig Vertiefungen sind zehn bereits eingedrückt, die mir die Tage zählen, seitdem das Kontaktverbot besteht. Ich drücke mir eine elfte Vitaminkapsel heraus, beuge mich unter den Wasserhahn, um sie einzunehmen. We have the technology. Kaum zu glauben, dass vor einigen Jahren Epidemien, wie die jetzige, als Naturkatastrophen galten. Heute heißt gesund sein auch, Mittel dafür einzunehmen, es zu bleiben; die Kontrolle über die Natur fängt schließlich bei einem selbst an, das wissen wir schon seit Balzac, spätestens seit Proust: Veronal zum Schlafen, Koffein zum Wachen, immer nach vorn, zitternden Schrittes, aber wohin?

Ohne ein Ziel zu haben, solle man nicht über Strategien reden, sagt Karl Lauterbach in einer langweiligen Talkshow von gestern. War unser Dasein vorher nicht schon durch nichts weiter als zielloses Weitermachen geprägt, frage ich mich so. Vielleicht fällt es vielen daher so schwer, Strategien sich auszudenken, schwerer noch, sie durchzuhalten und dabei ein Lächeln zu bewahren, an der Theke beim Bäcker; noch gibt man sich dabei Mühe, aber ich schweife ab, soweit sind wir noch nicht. Beim Blick in den Spiegel frage ich mich, ob es nicht doch langsam an der Zeit wäre, sich zu rasieren. Keine ernsthafte Frage, nur eine aus Höflichkeit. Ich entscheide mich, der Pflanze noch einen Tag länger beim Wachsen zuzusehen; Routinen soll man bekanntlich nicht brechen, auch wenn es langsam anfängt zu jucken. Derweil wackelt das Bild im Spiegel wegen den Vibrationen, verursacht von der vorbeifahrenden Ringbahn. Irgendetwas ist heute anders, brodelt, unmerklich, unter der Oberfläche.

Nach nur ein paar Tagen der allgemeinen Abriegelung fällt vielen Bürgern wohl schon die Decke auf den Kopf, heben sich Stimmen, die nach Aufhebung der Verordnungen verlangen; Jens Spahn beschwört derweil weiterhin die Ruhe vor dem Sturm, die ewig werdenden Worte Herrn Wielers zelebrierend: Wir befinden uns am Anfang der Epidemie. Niemand wüsste, was uns noch bevorstehe. Drei Säulen der Bekämpfungsstrategie: Eindämmung, Schutz der Risikogruppen, Versorgungskapazitäten erhöhen. Man kennt das auswendig, nichts neues, nur Wiederholung, den ganzen Tag. Wann kommen die neuen Folgen, die nächste Staffel, raus? Ich fühle mich schlecht unterhalten, muss raus.

Die Mitarbeiterinnen beim Bäcker Süß haben jetzt ein Plastikschutzschild installiert, es hängt über der Theke, an zwei dünnen stählernen Drahtseilen befestigt. Als ich hereintrete ist sonst niemand da, nur eine der beiden Frauen geht mit einem Feuchttuch vorne an der Theke vorbei und nimmt, als sie mich eintreten sieht, fluchtartig wieder ihre Position dahinter ein. Nur schnell desinfizieren wolle sie, sagt sie, mir ins Gesicht grinsend; sie trägt keine Maske, vermutlich, weil sie überall ausverkauft sind. Ich freue mich über ihre standhafte gute Laune, brav meinen Abstand einhaltend und lächle zurück. Dann kaufe ich das Übliche, lasse ihr ein bisschen Trinkgeld da, bedanke mich und verabschiede mich wieder, bis morgen, bleibt alle schön gesund! Auf dem Weg nach oben frage ich mich, was ihr der Euro nützen soll.

Pflichtbewusst, wie die Kapseln von gerade eben, nehme ich meinen Bröselkaffee ein. Meine Prothesen geben mir übermenschliche Fähigkeiten, eine Lebenserwartung von über vierzig Jahren und haben dabei geholfen, mich in einer Welt erwachsen werden zu lassen, wo der Tod nur hinter der Leinwand lauert oder im Krankenhaus; auf jeden Fall ist er weit weg, ist unsichtbar. Die grausam positiven Zahlen aber steigen täglich und noch sind wir nicht daran gewöhnt, dass Menschen auch wirklich einmal sterben müssen, weshalb viele bereits Angst mit Vorsicht verwechseln. Heute morgen lese ich auf einer Webseite, es seien vierzigtausend Infizierte in Deutschland, die Tendenz ist natürlich weiter steigend, mindestens noch vier Tage. 
Vielleicht, wenn der Sturm einsetzt, sind es dann sechzig, siebzigtausend. Damit bekäme man die Nazischüssel in Berlin voll, wo ansonsten die Hertha BSC ihre Heimspiele austrägt. Seit einigen Wochen ist das Stadion leer. Da erinnere ich mich erst an das Stadtderby, das nicht stattfinden wird. Der Verein hatte den Verkauf von Karten auf Vereinsmitglieder beschränkt, allein der Gästeblock hätte fremde Trikotfarben tragen dürfen. Was soll’s, denke ich mir, für mich hätte es keine Karte gegeben; so sieht das Spiel eben gar keiner. Damals hätte man das noch als Einschränkung interpretieren können, aber wir sind schon viel weiter gekommen in den letzten Wochen. Von seiten einiger Mediziner wird bereits der föderalistische Rahmen Deutschlands bemängelt und die Forderung nach dessen Umgehung laut. Es ist noch keine zwei Monate her, da wurde eine Regierungsbildung in Thüringen noch zur Gefahr für die Demokratie erklärt; auch daran erkennt man sehr gut, wie weit wir gekommen sind, in ein paar Wochen.

Ja, es gibt eine Krise, das ist unbestreitbar. Mit Freunden tausche ich mich darüber aus, nehme ihre Besorgnis ernst, denn ich teile sie. In China ist die Sicherheitspolitik ein sichtbares Kontrollinstrumente, sind Argusaugen offen und auf jeden gerichtet. Unsichtbare Blicke funktionieren hier besser. Was wäre auch europäischer als auf listigen Umwegen und durch das Prinzip der Naturbeherrschung in einen Sturm zu navigieren? Macht euch keine Sorgen, bei zwölf Schiffen wird schon eins übrig bleiben.

Beim Anruf in der Diabetologenpraxis von gegenüber werde ich, das ist neu, von einer elektronischen Warteschleife empfangen. Wenn Sie Schwierigkeiten bei der Atmung verspüren, wählen Sie bitte die zwei. Ich drücke Taste eins, fest entschlossen, mit einem Menschen zu sprechen und gerate an einen sehr heiser klingenden Mitarbeiter, der mir freundlichen Tones bestätigt, er wolle mein Blut ganz gerne haben. Leider gebe es keinen Termin vor nächster Woche Freitag. Na gut, eine Woche mehr oder weniger macht jetzt auch nichts mehr, wir haben einmal damit angefangen. Ich wünsche ihm noch einen schönen Tag, danach wieder überprüfe ich, ob das Licht in meinem Kühlschrank noch funktioniert, ah, geht noch, dann ist ja gut.

Ich lese mir einige Beiträge auf Neoplanodion durch. Dazu kopiere ich, mein Griechisch ist nämlich sehr beschränkt, Textteile in den Googleübersetzer und lese mir die Einweckgläser voller Eindrücke aus längst vergangener Zeit von voriger Woche durch. Ich freue mich darüber, verwandte Stimmen zu vernehmen, ihre Gedanken zu teilen. Noch ist die Sorge der anderen lebendig, ihre Verärgerung wahr; noch tragen ihre Worte einen Rest Wärme in sich, doch auch die wird bald entwichen sein und zurück bleibt das graue Bild einer vergangenen Welt. Die Ruhe kommt nach dem Sturm.

Bis dahin ist es noch lange hin, das stimmt. Es wird noch lange dauern, bis sich so etwas wie Normalität wieder herstellt, was auch immer damit gemeint sein wird. Wer weiß, wie lange die Routine mir noch die stabile Struktur besorgt, die zum Verfassen dieser Zeilen so nötig gewesen ist, bisher. Bereits jetzt hat sie erheblich Seitenlage, läuft der Bug voll, tobt der stille Sturm draußen, wo die Tauben im Sonnenlicht sich baden.
Wenn es dann einmal Zeit sein wird das letzte sinkende Schiff zu verlassen, bemerke ich, viel zu spät, dass die bionischen Prothesen ohne Zuzahlungen nicht schwimmfähig sind und viel zu schwer; sinke ich, langsam, immer weiter, zum Grund hinunter, steigt der Druck an, wird das Rauschen immer lauter – – bis ich den Wasserhahn im Badezimmer endlich zudrehe, festen Blickes in den Spiegel schaue und beschließe, es ist genug, der Bart kommt ab.  
Was heut sonst noch anfällt? Das war es eigentlich. Naja, es müssten noch die Pflanzen gegossen werden, Staubsaugen wäre auch mal angesagt. Lesen sollte ich wieder mehr, ein bestimmtes Buch von Max Frisch wäre ratsam und gesund. Es ist wichtig, nicht den Kopf zu verlieren, nicht die Arbeit abzubrechen und einfach noch ein bisschen weiterzumachen, noch sind wir nicht in Venezuela. Jeden Tag einen neuen Schritt wagen, in regelmäßigen Abständen, solange das Papier nicht ausgeht, weitermachen.


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Wednesday, March 25, 2020

Emprisonnement raisonnable IV

25.03.2020
Die Rettungsstelle ist, von der Robert-Koch-Straße aus, zu Fuß, innerhalb dreier Minuten zu erreichen. Den Patienten legt man auf den Operationstisch, das Isofluran riecht ein bisschen nach Gummibärchen; Latexhandschuhe, Antiseptika, Licht, Kamera: Gentlemen, we can rebuild him, we have the technology. Sie finden meine Zähne irgendwo tief in meinem Oberkiefer, ziehen sie heraus, remodellieren erfolgreich mein Gebiss, setzen mir eine Schiene ein, vergessen, dass ich außerdem die bionische Leber, die bionischen Augen und Lungen bestellt hatte; man hätte, wenn man schon dabei war, doch alles in einem Aufwasch erledigen können, denke ich mir als ich aus der Narkose erwache.
Die Ringbahn fährt am Fenster der Wohnung am Ostkreuz vorbei, sorgt dafür, dass ich aufstehe, das Fenster schließe und bemerke, wie spät es eigentlich schon ist. Nach drei Tagen zeigt meine selbstauferlegte Struktur bereits Haarrisse, ein Steinschlag genügte und das Einweckglas würde zerbersten; also: Stillgestanden!, Vitamintablette induzieren, kaltes Wasser ins Gesicht und sich nochmal gegen eine Nassrasur entscheiden. Anderthalb Teelöffel Bröselkaffee später, sitze ich am Tisch und erinnere mich, mit einem Blick auf mein Handy, dass gestern mein Geburtstag war. Willkommen im Klub der Dreißiger, willkommen im nächsten Level, hat man mir geschrieben. Ich freue mich über die lieben Nachrichten mit den bunten Emojitorten, muss allen aber noch antworten. Die Benjamin-Blümchen-Torte auf der anderen Seite der Handyscheibe sieht lecker aus, Mutti, ich würde gern die Hälfte essen, aber ich bleibe besser vernünftig, das Zeug ist sowieso viel zu süß, teilt sie also einfach unter euch auf. Ich lege das Handy erst einmal weg und antworte sicher später.
Danach der mittlerweile obligatorische Klick auf die Webseite des RKI. An sich könnte man es sich, zumindest bis Anfang nächster Woche, sparen, die Zahlen anzuschauen, man braucht sie nicht mehr zur Beruhigung, weil die seitens der Regierung vorgenommenen Maßnahmen frühestens am 30. März sich an den Kurven ablesen lassen würden. Abstandhalten sei darum das Gebot der Stunde, wir stünden am Anfang der Pandemie, sagt Herr Wieler, seit mehreren Tagen die gleichen Parolen von der Kanzel widerkäuend. Der spannende Teil der täglichen Pressekonferenz ist für mich mittlerweile die Auswahl an Fragen aus der Bevölkerung, zum Beispiel wurde gefragt, ob die vergleichsweise niedrigen Infektionszahlen aus dem Osten Deutschlands mit einer bis in die 70er Jahre hinein obligatorisch vorgenommenen Tuberkuloseimpfung in der DDR zusammenhinge. Knobelaufgabe für mich: Warum wurde ausgerechnet diese Frage ausgesucht?
Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann ist ein Cyborg, ist ein verbesserter Mensch, stärker, schneller, leistungsfähiger, braucht keinen Urlaub, vermutlich nicht mal Schlaf. Hätten vielleicht, wenn einmal die Technik soweit ist, Krankenpfleger und Krankenhauspersonal zuerst Anspruch auf eine totale Volloptimierung oder vielleicht die Paketboten? Vielleicht sind es auch die Öligarchen und Techbezos, die, auf entlegenen Karibikinseln in Sicherheit gebracht, ihren Teenagerkindern ein paar neue Organe zum Geburtstag schenken werden. In Deutschland wäre der Darmtrakt garantiert am gefragtesten. Auf die Jahre gerechnet spart es ja auch immens Zeit, wenn man nicht mehr auf Toilette gehen muss und umweltfreundlich ist es außerdem. Nach schon dreißig Jahren habe sich der eigene CO²-Abdruck allein durch das gesparte Wasser und Toilettenpapier amortisiert, habe ich gelesen, im Netz, irgendwo...
Genug davon, denke ich mir, stehe auf, strecke mich, schlurfe durch den Flur in Richtung Küche und suche, weil weder von Hunger noch Durstgefühl getrieben, nur das Licht im Kühlschrank, das mich merkwürdig beruhigt. Der war übrigens, spontane Einschätzung meinerseits, noch nie so voll wie jetzt. Das Tiefkühlfach werde ich also vorerst noch nicht abtauen können, beschließe ich. Kein Problem, die Torte hätte da sowieso nicht reingepasst. Auf einer Quarkpackung im obersten Fach bemerke ich eine kleine Pfütze von Tauwasser, das sehr langsam vom Tiefkühlfach darauf heruntergetropft sein musste und erinnere mich wieder: Langsam wäre noch zu schnell. Die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie rechnete vor einigen Tagen in ihrer Stellungnahme damit, dass ungefähr sechs Prozent der Infizierten auf Intensivstationen zu behandeln seien. Die bisherige Strategie, eine Verlangsamung der Infektionszahlen herbeizuführen, hätte, so die Experten, dennoch die Überlastung unseres Gesundheitssystems zur Folge. Die Zahlen basierten auf den chinesischen Erfahrungen, wurden aber mittlerweile, stärker differenziert, auf zwei bis maximal vier Prozent herunterkorrigiert.
Falschmeldungen sind hochansteckend, sie gelten in diesen Tagen als unterschätzte Gefahr, und auch wenn zwischen Tuberkulose und Coronavirus kein Zusammenhang erkennbar ist, drängt sich für mich langsam einer auf, nämlich zwischen den von den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendern fleißig verbreiteten Bildern der noch desaströseren Verhältnisse in ausländischen Krankenhäusern und der jahrelang praktizierten restriktiven Fiskalpolitik in Europa, unter vornehmlich deutscher Anleitung. Heute steht Jens Spahn an forderster Front, richtet seine Durchhalteparolen an das in den Schützengräben stationierte Krankenpersonal, gestern noch hat er das Gesundheitssystem krankgespart.
Als Cyborg würde uns das alle nicht mehr interessieren, denke ich mir so. Völlig immun gegen jede Form von sich verbreitender Information, würden wir unsere Nachrichten einfach direkt eingespielt bekommen, vielleicht mit ein paar Werbeblöcken, die sich gegen kontaktlose Bezahlung oder Überstunden auf Arbeit oder, besser noch, wenn man sich gemeinnützig engagierte, abschalten ließen. Man wäre sicher, endlich sicher, hinter seiner Mauer im Kopf, wo man es sich gemütlich macht, ab und zu das Inventar seines videoüberwachten Kühlschranks überprüft oder die Luftfeuchtigkeit im Schlafzimmer, um sich zu beruhigen. Viren sind keine Lebewesen, heißt es in der Biologie, sie sind, ganz schlicht, Informationen.
Am Fenster in der Wohnung am Ostkreuz stehend, beobachte ich die Tauben auf dem Baum im Hinterhof, sie gurren und schubsen sich ab und zu gegenseitig von den Ästen. Es ist ruhig und das Wetter ist sehr schön. Noch hält sich fast jeder an die von der Regierung beschlossenen Maßnahmen, noch sind keine marodierenden Jugendlichen auf den Straßen zu sehen oder Einbrüche von linksradikalen Plünderbanden vermeldet worden. Die Angst ist unbegründet, lasse ich mich langsam denken, auch wenn ich es wie kaum jemand sonst genieße, eine Ausrede dafür zu haben, den ganzen Tag mich zu verschanzen, solang sich an der Situation nichts grundsätzlich verändert.

Als ich meine Glückwünsche von gestern so durchgehe, bemerke ich, schöne Gefühlskonserve, die Sprachnachricht eines Freundes. Sie beginnt damit, dass er sich dafür entschuldigt, sich lange nicht mehr gemeldet zu haben und beschreibt mir dann, was ihm in den letzten Wochen zugestoßen ist. Er sagt, er sei in der ersten Woche, als die Geschäfte schließen mussten, sehr angespannt gewesen, auch nicht richtig zum Schreiben gekommen sei er in der letzten Zeit, die ganze Situation wirkte lähmend. Er wolle nicht wie ein alter paranoider Sack wirken, sagt er mir, meint jedoch gleichzeitig, er habe sich vergangene Woche wie der einzige Mensch gefühlt, der die Lage begriffen hätte. Ansonsten sei bei ihm alles in Ordnung und er freue sich für mich, dass mein erster Eintrag auf Neoplanodion erschienen sei und will ihn gleich einmal nachholen. Irgendwie müsse alles weitergehen und so langsam geht es auch. Seit dem Wochenende sei er viel entspannter, konnte mit dem Auto herumfahren, die Sonne genießen; die soziale Distanz mache ihm trotzdem zu schaffen. Sich nicht treffen zu können, niemanden sehen zu können, die andauernde Isolation, mache letztlich auch uns, die gern allein sind, zu schaffen.
Allein sein, wann wird es mir wohl zuviel damit? Erinnerungen an sehr viel bewölktere Tage will ich noch nicht zulassen; noch war ich nicht einmal in der Diabetologie, angerufen habe ich auch nicht. Heute dann. Vielleicht mach‘ ich‘s, vielleicht lass‘ ich‘s bleiben; den ganzen Tag, den Flur entlang, das Licht suchen und vielleicht wieder zurückfinden aber habe ich, weil unterwegs verloren, keine Harfe mehr, nur mein Handy noch. Es wird für den Anfang genügen.
Unsere Freunde bald wieder sehen zu können, das ist unser großer Wunsch, in diesen Tagen. Die Krankheit wird noch eine Weile hier sein, vielleicht für immer, zumindest für zwei, drei Jahre. Wir können nur hoffen, dass unsere bionischen Beine uns bald die steile Kurve verflachen. Bis dahin klopfe ich ab und zu von hinter dem Glas aus an und hoffe, weil Menschen das machen, ihr bleibt gesund, solange es eben geht. 
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Monday, March 23, 2020

Emprisonnement raisonnable III

23.03.2020
Ich springe wie auf einem Trampolin in der Robert-Koch-Straße, die alte Couch mit den Hartholzlehnen und dem zerschlissenen bordeauxfarbenen Textilüberzug ist noch sehr groß für mich. Im Fernsehen läuft der Sechs-Millionen-Dollar-Mann: Dem mache ich‘s nach. In jeder Folge springt er über Mauern und Zäune; mir gefällt vor allem das merkwürdige Geräusch, das dabei abgespielt wird. In meinem Kopf denke ich mir eine Mauer aus, über die ich drüber will, um meine Mutter, im Sessel nebenan sitzend, zu überraschen. Mit oder ohne Anlauf, ich weiß nicht mehr so richtig, geht‘s los, ich versuche zu springen, aber ich kann ja nur hüpfen.


Bund und Länder haben gestern bundesweite Ausgehverbote beschlossen, Bayern hält an seinem standardmäßigen Sonderweg fest; ich finde beides in Ordnung. Ausgehverbote seien besser als Ausgehsperren, heißt es, denn man kann trotzdem noch rausgehen, ist halt nur verboten. Meine Arbeit werde ich ab sofort trotzdem von zu Hause aus erledigen müssen, ich weiß noch nicht mal, wie das gehen soll, aber meine Chefin hat mich schon in einer Email beruhigt, ich solle mir keine Sorgen machen. Da bin ich aber froh, es gibt Arbeit. Viele wissen offenbar sich nicht die Zeit zu vertreiben oder werden depressiv, wenn sie zu lange allein in ihrer Wohnung bleiben; zum Glück kann mir das nicht mehr passieren.

In Zeiten, wo einem die Struktur genommen wird, ist meine Strategie, eine einzuführen. In der Früh, mit militärischer Strenge, ich orientiere mich wieder an Herrn Macron, nehme ich, nachdem der Wecker klingelt, die Eisentablette mit Vitamin C ein, wasche mich mit kaltem Wasser und entscheide danach, es mit dem Rasieren doch noch sein zu lassen. Danach folgt ein Gang zum Bäcker Süß von gegenüber. Die Mitarbeiterinnen bleiben da, vorerst. Auch sie hätten ältere Familienangehörige zu Hause und es helfe nicht, dass manche Kunden nicht verstanden haben, sich beim Husten die Hand vor den Mund zu halten. Eine von ihnen zeigt mir ein Video auf ihrem Handy, von hinter der Theke aus, ich kneife die Augen ein bisschen zusammen, sehe Herrn Bosselmann, den Bäcker aus Hannover, der die Realität der vom Bund beschlossenen Zahlungen und Unterstützungspakete an die mittelständischen Unternehmen beschreibt. Die Gelder versacken im Bankensektor; es gäbe hunderttausende Anträge, in sechs Wochen müsse er dicht machen. Auch die Mitarbeiterinnen bei Süß haben eine Scheißangst, sagen sie. Ich gebe ihnen außer ein paar Groschen, wie immer nichts weiter als meine Worte, doch komme jeden Tag vorbei, solang es eben geht. Sich einen festen Plan machen und ihn einhalten. Heute Nachmittag gehe ich mal der Diabetologie einen Besuch abstatten, frage dort wie‘s aussieht und ob sie mein Blut noch haben wollen. Vielleicht rufe ich aber erst einmal nur an, obwohl mich die Schulle im Kühlschrank ja schon seit Tagen anlacht.
Wieder oben angekommen wasche ich mir die Hände, wasche extra gründlich, wasche zweimal, denke an morgen und drehe den Hahn zu. Anderthalb Teelöffel Bröselkaffee in die Tasse oder sollte ich besser, damit‘s länger hält, auf den halben verzichten? Einmal wandert der Blick nochmal den Flur entlang, dann schließe ich meine Tür und schreibe wieder, denn so lange ich es mache, glaube ich noch an ein Leben danach, an dieses Leben, nach der Krise.
Vielleicht schaue ich mir auch erst noch ein Video im Internet an. Es findet mich ein Kanal, auf dem Militärnotrationen aus dem zweiten Weltkrieg geöffnet werden. Die Konserven sind jahrzehntelang abgelaufen, aber vom Dosenbrot kann man noch abbeißen und die Erdnussbutter ist sogar ein bisschen cremig. Der Bröselkaffee ist ebenfalls, auch wenn er merkwürdig riecht, noch genießbar. Es beruhigt mich zu wissen, dass die Notrationen, die heute eingeschweißt werden, an meinem Lebensende immernoch essbar sein werden. Irgendetwas aus dieser Welt scheint übrig bleiben zu können, auch wenn es nur die Notkaramellen und Fleischwürfel der Bundeswehr sind; langsam auf dem Mund zergehen lassen müsse man sie, dann stelle sich weder Hunger noch Durstgefühl ein, steht in der auf bedrucktem Goldpapier glänzenden Benutzungsanweisung. Vielleicht nützt die noch, ganz am Ende dann, wenn grausende Eiseskälte uns im Bann hält, uns die Hände vor‘s Gesicht schlagen lässt, um ein wenig Aufmerksamkeit zu erregen, rettet die Hoffnung, gerettet zu werden, oder wenigstens eine Elster einzufangen und sie zu verspeisen. Auf dem Geländer meines Balkons sitzt manchmal eine Taube, aber so weit sind wir noch nicht, nur der Gedanke ist in der Welt. Man müsste nur handeln, solang man noch bei Kräften ist und nicht zu langsam, die Taube auf dem Dach zu fangen.

Eine Wolfsburger Oberärztin rechnet unterdessen damit, dass Suizidraten durch die Folgen der Isolation steigen werden und blickt ebenso besorgt auf zur Neige gehende Masken, Kittel und sonstiges Material auf ihren Stationen. Die Vorräte reichten noch für eine Woche, sagt sie. Die Lage wird sich in vielen betroffenen Ländern ähnlich, wenn nicht intensiver, zuspitzen. Es erreichen mich Bilder von katastrophalen Zuständen in Venezuelas Krankenhäusern, Bilder von klagenden Menschen, denen Zugang zu sauberem Wasser fehlt. Allerdings muss man nicht einmal so weit wegschauen, um Orte zu sehen, an denen allein die Infektion für viele das Todesurteil bedeutet. In Madrid und in Bergamo steigen die Todeszahlen rasant. Eine spanische Ärztin rekapituliert die bereits vor Ausbruch der Epidemie erreichte Überlastung des Gesundheitssystems; in Italien müssen Patienten bereits aufgegeben werden, das heißt, sie werden von der Intensiv- auf die Palliativstation verlegt und auch aus Deutschland gibt es Berichte von Krankenpersonal, das zubodengesunken um Kraft ringt, jetzt, anderthalb Wochen nach Aufzeichnen der ersten Diagnosen.
Der behandelnde Arzt der Bundeskanzlerin wurde vorgestern positiv getestet, weshalb auch
Frau Merkel, die selbst zur Risikogruppe gehört, ab sofort ihre Geschäfte in vorsorglicher häuslicher Quarantäne verrichten muss. Ein Test kann ungefähr zehn Tage nach der Ansteckung für positiv befunden werden, weil sich erst nach sechs bis acht Tagen Antikörper bilden und die Auswertung auch seine Zeit braucht, wird berichtet. Die deutsche Wirtschaft produziert derweil, unter Hochdruck, zwölftausend dieser Tests täglich, das heißt man benötigte weit mehr als ein Jahr, um jeden Bürger zu testen, selbst wenn genügend Laborpersonal zur Verfügung stünde. Darum gelten für das Robert-Koch-Institut seit Ende letzter Woche alle Familienmitglieder einer als positiv getesteten Person als infiziert.


Mit Anlauf springt der Sechs-Millionen-Dollar-Mann über die Mauer in den Köpfen. Wieder einmal schafft er es, doch was er nicht sah, war, hinter der Mauer, die Schlucht! Ein Moment lang Kribbeln im Bauch, ein Fall in den Abgrund; mit einem merkwürdigen Geräusch zerbricht mein Kiefer auf der Hartholzlehne der alten Couch, meine Mutter hält mich im Arm, aus meinem Mund kommt eine dicke bordeauxfarbene Flüssigkeit und: „Mama, Bier trinken.“

Die Virologen aus dem Hasso-Plattner-Institut wollen gegen die Verschärfung der Pandemie mit verschärften Kontrollen, ähnlich wie in Korea, vorgehen, werben für ihre Handyverfolgungsapps und begrüßen die Vorschläge des Gesundheitsministeriums, Daten aller Bürger auch ohne deren Einwilligung nutzen zu wollen. Im Namen der Gesundheit ist eben alles erlaubt; auch nach der Krise? Wann ist überhaupt nach der Krise?

In der Präambel des Berichts zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz aus dem Jahr 2012 heißt es, die Aufgabe des Bevölkerungsschutzes sei es unter anderem, die Bevölkerung vor Schadensereignissen zu bewahren. Im zweiten Kapitel dieses Berichts, welcher unter anderem schon den Erreger CoV erwähnt, heißt es dann: „Das Gesundheitssystem wird vor immense Herausforderungen gestellt, die nicht bewältigt werden können. […] Nachdem die erste Welle abklingt, folgen zwei weitere, schwächere Wellen, bis drei Jahre nach dem Auftreten der ersten Erkrankungen ein Impfstoff verfügbar ist.“ Auch wenn Dietmar Hopp uns bereits diesen Herbst einen Impfstoff verspricht, denke ich an die Aussagen von Herrn Wieler von vor ein paar Tagen zurück und wundere mich nochmal, ein bisschen heftiger, darüber, wie überraschend das Ausmaß der Pandemie für das RKI doch sei.

Die Seuche hat also noch mehr Dynamik als erwartet, denke ich so, hinter meinem Fenster die Tauben beobachtend, die in regelmäßigen, wenn auch verlangsamten Abständen vorbeifliegen. Alles ist langsam und schnell gleichzeitig und das was gestern war, heute nicht mehr wahr und trotzdem soll man daraus lernen. Langsam wäre immer noch zu schnell, in diesen Tagen, auch wenn sich das mit Blick auf die Krankenhäuser zügig ändern wird. Bald werde ich mich einmotten müssen, in ein hermetisches Weckglas, werde den Deckel versiegeln müssen und an die Scheibe klopfen, von hier aus, in der Hoffnung, jemand liest mich durch seine. Ich versuche ebenfalls dynamisch zu bleiben, gleichzeitig rigide strukturiert, damit hier alles sich weiterschreibt, soll heißen: weiterlebt.
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Saturday, March 21, 2020

Emprisonnement raisonnable II

21.03.2020
Erstaunlich, denke ich, das Leben scheint im Moment so langsam, und doch ersetzen die Ergebnisse der Virologen und die empirischen Zahlen aus den Testlabors jeden Tag unser Weltbild, so dass man kaum glauben kann, gestern Gesagtes hätte einmal Bedeutung gehabt. Ich blättere durch meine Nachrichten der vergangenen Tage. Noch letzte Woche habe ich mich, was heut unmöglich erscheint, mit Sascha auf ein Bier verabredet. Diesen Montag wollten wir uns abends in Potsdam treffen. Zwei Tage vorher schrieb er mir, wir müssten verschieben, er sei krank geworden und das Pub sei übrigens bis Mitte April zu. Er meinte, die nächsten Wochen würden nicht lustig, aber für mich als Schriftsteller sei‘s ja gut, außer es würde wie bei „Shining“. Eine Flasche Bourbon, ein Glas und ein bisschen Eis, Loyd!

Leider bin ich kein großer Whiskeytrinker und das Eisfach müsste schon seit Jahren mal abgetaut werden, dauernd tropft Tauwasser auf die obere Glasplatte, wo sonst Butter, Himbeerkonfitüre und Leberwurstersatz stehen, das ist aber alles schon leer geworden. Der Griff des Faches ist ebenfalls defekt und schließt nicht mehr richtig, bricht jedesmal ab und man muss ihn wieder randrücken, wie den Arm einer kaputten Spielzeugfigur, bis er einrastet; anfangs vollzieht sich eben jeder Verfall schleichend. Demnächst löst sich das Problem ja vielleicht von selbst, wenn der Strom dann ausgefallen ist und alle panische Angst haben werden, wir uns nicht mehr auf die Straße trauen und die Türen verriegeln und die Menschen Äxte nehmen werden, um mich besuchen zu kommen. Tut mir leid, ich habe selbst kein Toilettenpapier mehr, seit der Rechner nicht mehr läuft, brauche ich es zum Schreiben.

Es ist schwierig, wenn man keine Rolle mehr hat. Eine Arbeitskollegin rief diese Woche bei der Mittagspause, wir sitzen jetzt mit zwei Metern Sicherheitsabstand beieinander, zu mir rüber, dass sich einige Menschen nun, da es eine Liste mit systemrelevanten Berufsgruppen gäbe, die Sinnfrage gestellt hätten. Ich glaube das entblößt den narzisstischen Charakter unserer Berufswelt: Von der Hauptrolle zum Statisten degradiert, das verkraftet sich nicht so leicht. Psychiater sind aber zum Glück auch systemrelevant, ausgebrochene Existenzkrisen werden also aufgefangen. Systemrelevant sind sowieso alle im Gesundheitswesen, das Krankenpersonal in Hospitälern, Pflegepersonal, aber auch, siehe da, Menschen bei den Stadtwerken, im Einzelhandel, bei der Müllentsorgung und der Post,… die Liste ist noch länger. Sie alle werden bis zum Ende weitermachen.


Grau erinnere ich mich noch an eine Zeit vor der Epidemie, wo niemand gern einen dieser Berufe ausgeübt hätte, weil er weder ein anständiges Gehalt noch gesellschaftliche Anerkennung versprach. Heute wirkt das völlig absurd, jeder ist darauf angewiesen, dass alles weiterläuft. Morgen wird es vielleicht schon wieder anders aussehen, also genießt den Beifall, solange er dauert. Seit gestern klatschen die Menschen übrigens wirklich um 21.00 Uhr von ihren Fenstern und Balkonen aus für die Systemrelevanten, um ihre Solidarität zu bekunden, so heißt es. Mehr Unterstützung gibt es nicht, geht momentan auch schlecht, dazu hätte man vorhersehen müssen, dass es eine Schwachstelle des Systems sein könnte, wenn in systemrelevanten Berufen alles auf Kante genäht wird. Aber Menschen sind anpassungsfähig und wie Herr Wieler in der gestrigen Pressemitteilung des RKI schon betonte, erwarte er, dass die Krankenhäuser jetzt bereit sind. Es wird übel und, hier der Moment, wo mein gehässiges Grinsen erstarrt, mehr als Worte kann auch ich nicht beitragen. Wenn die ersten Supermärkte aufgrund von erkrankten Mitarbeitern schließen, wenn das Krankenpersonal vor Erschöpfung auf seinen Laptops einschläft und die Atemmasken nach Lebenserwartungslotto verteilt werden, dann ist die Sinnfrage vermutlich angebracht. So long, cheers, Loyd!
 
Vor einigen Wochen bin ich mal so zur Diabetologin gegenüber. Sie hat die Urlaubsvertretung für die Ärztin übernommen, die meine Hausärztin hätte werden sollen. Vorher war ich, seit ich in Berlin lebe, nie darauf angewiesen. Eigentlich bin ich auch nur für eine Unterschrift dort hingegangen, aber, wie ich jetzt weiß, kommt kein Mensch aus einer Diabetologenpraxis heraus, ohne eine Blutprobe abgegeben zu haben. Die Mitarbeiterin ist, wie ich finde, ich habe ja kaum Erfahrung, erstaunlich nett zu mir, ich mache brav eine Faust, sie nimmt mir ein paar Tropfen. Am darauffolgenden Tag erreicht mich ein Anruf von der Frau Doktorin. Sie fragt mich, wie ich es so mit dem Alkoholkonsum halte und rät mir, einfach mal sechs Wochen die Finger davon zu lassen, meine Leberwerte seien nämlich erhöht. Ich antworte ihr, ich wüsste nicht, ob ich das machen wollte, weil in fünf Wochen mein dreißigster Geburtstag anstünde und ich mich schon darauf eingestellt hatte, mit meinem Bruder um die Wette zu saufen, woraufhin sie anfängt zu lachen und mir kompromissbereit vorschlägt, ich solle einfach in der Woche davor nochmal kommen. Seitdem trinke ich nichts mehr, habe aber eine Vorliebe für Gummibärchen entwickelt. Ich bilde mir darum ein, ihr Geschäftsmodell verstanden zu haben.
Obwohl die Welt am Abgrund steht, wie die Ökonomen sagen, bin ich brav geblieben. Bis letzte Woche hatte ich mich noch darauf gefreut, nächste Woche endlich auf die Vergangenheit und die Zukunft anzustoßen. Noch bereue ich es nicht, mir doch einfach die Leber zerschossen zu haben, wo wir doch alle langsam verhungern werden. Noch glaube ich an die digitale Anzeige in der Reinhardtstraße, glaube an die Schuldenuhr, die noch rückwärts läuft und uns glauben macht, diese Welt sei auf solidem Grund gebaut. Die Regierung und der Bund beschließen in diesen Tagen Auffangpakete in Milliardenhöhe, um Kleinunternehmer und Selbstständige zu unterstützen. Die Nullzinspolitik der letzten Jahre erscheint auf einmal wie blanke Idiotie, es wird sehr teuer werden, die Uhr in der Reinhardtstraße wird wieder vorwärts laufen, die Kindeskinder werden es in digitalen Schulapps lesen, werden sich ärgern, dafür bezahlen zu müssen und sich darüber betrinken, eines Tages, vielleicht. 
Wenn einmal Nachkommen diese Zeilen lesen und sich wundern werden, wie überraschend diese neue Situation für uns war, wenn sie darüber staunen werden, dass wir uns früher einfach so in Pubs getroffen haben und ohne Handschuhe und Masken rausgegangen sind, uns die Hände zur Begrüßung geschüttelt haben oder sogar umarmt, dann ist ihnen die Sicht bereits versperrt darauf, welche Rechte sie in Wirklichkeit eingebüßt haben. Wenn es um unsere Gesundheit geht, welcher Preis kann da zu hoch sein? Die Habenslogik erklärt auch Menschenrechte zu einem Gut, und das hat einen Wert. Ich frage mich, ob ihr Kurs, wie der aller Luxusgüter, auch bald einbrechen wird.  
Gegenmaßnahmen sind dringend nötig, die französische Parfumindustrie hat zum Beispiel ihre Produktion auf Hygieneartikel umgestellt. Die Waffenherstellung für Emmanuel Macrons Krieg gegen die Epidemie ist schon in vollem Gange und auch hierzulande kamen die ersten Kriegsmetaphern seitens der Regierung, vermutlich, so mein Gedankenspiel, um diejenigen des Nachbarn ein wenig abzufedern. In Camus’ „La peste“ taucht derselbe Vergleich auf: Krieg und Pest gleichermaßen träfen die Menschen überraschend. Ob die Entwicklungen wirklich so überraschend gewesen sind? War nicht schon vor Monaten in Wuhan die Epidemie ausgebrochen? Ich suche im Netz nach Aussagen von Politikern, doch die Realität erreicht sie erst in diesen Tagen. Gestern erst sagte Lothar Wieler, der zwar kein Politiker ist, aber inzwischen richtungsweisend für die Politik, er habe sich das Ausmaß dieser Pandemie so niemals vorstellen können. Vielleicht nie wieder werde ich den Duft von Rive Gauche vernehmen, dafür kann ich aber mein Handy nach der Arbeit fleißig mit Desinfektionstüchern einreiben.

Dieses Wochenende wird darüber entschieden, ob eine neue Eskalationsstufe der Krise erreicht ist und bundesweit Ausgangssperren verhängt werden. Der Ministerpräsident Bayerns preschte damit bereits gestern vor, was ihm keine schlechten Chancen einbringt, der nächste Kanzlerkandidat zu werden, wenn Frau Merkel demnächst in Rente geht. Vielleicht wird es aber auch Herr Wieler oder doch Herr Drosten, wenn man den Medien glauben darf, aber das darf man nicht, man soll nur den offiziellen Glauben schenken. Das sagte Frau Merkel vorgestern noch in einer ihrer Ansprachen. Noch gibt es Beifall, noch sind genug Hände da, die klatschen.
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Thursday, March 19, 2020

Emprisonnement raisonnable

19.03.2020
Der dicke alte Mann auf dem Moped macht Bewegungen wie auf einem Schaukelpferd. Er kommt nicht mehr vom Hauptständer herunter, ist hilflos. Der Helmkofferraum, der Gepäckkofferraum, gekränzt von zehn, zwölf Packungen Toilettenpapier; er: zusammengepfercht zwischen Türmchen aus Kartonkisten, vollgepackt mit Konserven. Ein Passant zeigt Hilfsbereitschaft, gibt sich und dem Unglücklichen einen Ruck, so dass dieser loskommt. Einen Meter lang wackelt er noch, bevor er umfällt, sich zur Seite rollt und auf dem Rücken liegen bleibt, dann stoppt das Video.

Die beiden Mädchen, die alles aus sicherer Entfernung mit dem Handy gefilmt haben, lachen sich halbtot. Ich lache ein bisschen mit, aus noch sicherer Entfernung, von zu Hause aus, durch den Handybildschirm hindurch. Noch habe ich gut lachen, noch funktioniert das W-LAN, noch ist der Kühlschrank voll und ich informiere mich, wie die meisten, stündlich über die aktuellsten Entwicklungen zur momentanen Lage. Während zynische Stimmen behaupten, endlich passiere mal was, während Ökonomen sagen, eine Katastrophe stünde uns bevor, sehe ich das alles fast indifferent. Dem Klima schadet es nichts, wenn der Handel einbußen erfährt. Gretha T. reibt sich die Hände mit Desinfektionsgel ein, mein Bücherregal ist voll und ich verspüre dieses halbvergessene Gefühl aus frühen Kindertagen, als es nichts zu tun gab und ich auf meinem Schaukelpferd über den braunen Teppich der Altbauwohnung in der Robert-Koch-Straße ritt. Ich greife ein Buch aus dem Regal, es ist „La peste“ von Albert Camus, ich schlage es auf und lese den Incipit, der geht so: 


„Il est aussi raisonnable de représenter une espèce d'emprisonnement par une autre que de représenter n'importe quelle chose qui existe réellement par quelque chose qui n'existe pas.”
– Daniel De Foe

Apropos Robert Koch, was empfiehlt das RKI denn heute? Schnell die letzten Twittermeldungen nachholen. Die Virologen haben in den letzten Tagen ein bisschen unsere Legislative abgelöst, alle erwarten gespannt die nächsten Ansagen, die dann von der Regierung umzusetzen seien: Einschränkungen im Verkauf von Waren, Veranstaltungsverbote, die Empfehlung, meinen dreißigsten Geburtstag abzusagen. Jetzt sitze ich alleine hier, mit Clownshut, tröte vor mich hin: trööt – – langweilig.
Auf einem alten Foto sitze ich auf einem Holzmoped, gerade mal ein Jahr alt bin ich darauf. Es schmückt die Whatsappgruppe für meine eigentlich geplante Feier, in der ich neulich schreiben musste, dass es unter meinem Namen keine „Coronaparty“ geben wird. Ich weiß, not that berlin of me, aber eigentlich komme ich auch gar nicht von hier. Brandenburg gefällt mir auch nicht. Irgendwo musste es halt hingehen, mit Anfang zwanzig. Zum Feiern bin ich jedenfalls nicht hier hergezogen, weswegen ich mich häufig habe vor meinen Bekannten rechtfertigen müssen. Jetzt, in Zeiten der sanften Quarantäne, vermisse ich nichts. Neulich habe ich mir sogar in weiser Voraussicht noch ein neues Buch für den Stapel besorgt: Lutz Seilers „Kruso“. Auch in seinem Incipit steht etwas von Daniel De Foe. Dieser De Foe – – der muss was gekonnt haben, denke ich so. Der war sicher fleißiger als ich in diesen Tagen, war unheimlich ehrgeizig, aber warum?


Der Mann im Video fällt um, macht einen Purzelbaum rückwärts und bleibt auf dem Rücken liegen, die Mädchen lachen sich darüber kaputt. Die Jugendlichen seien nicht betroffen, sagt man, sie gehörten nicht zur Risikogruppe. Das sei unser Glück; man mag sich nicht ausmalen, wie besorgte Eltern sich aufführen würden, die noch Kraft genug hätten, einen Motorroller durch die Fensterscheibe verriegelter Geschäfte zu schleudern, auf der Suche nach Lebensmitteln, auf der Suche nach den letzten paar Rollen Toilettenpapier. Vielleicht ist das alles, kindische Spinnerei meinerseits, ein natürlicher Regulierungsmechanismus der Natur. Er zeigt uns, wie zerbrechlich wir sind und wie adaptiv, gleichermaßen. Nebenbei löst er auch noch das Rentenproblem. Wer darüber jetzt noch lachen konnte, der glaubt nicht an seinen eigenen Tod.


Letzten Sonntag verabredete ich mich mit einem Freund zum Spazierengehen, um das leere Berlin zu erkunden, die einmalige Chance zu ergreifen und doch endlich einmal eine kreative Aktion zu starten, mal furchtlos sein, während alle Angst haben und zu Hause sind, aber Berlin war nicht leer, ich hatte mich enttäuscht. Im Gleisdreieckpark trafen sich Jugendliche, wie sonst auch, zum Basketballspielen und Skateboardfahren, an den Eisständen warteten Familienväter auf ein paar Kugeln Waldmeistereis mit bunten Streuseln, die Spätiverkäufer am Ostkreuz berührten mein Kleingeld nur noch mit Latexgummihandschuhen, nachdem sie ihr Handy beiseitegelegt hatten. Die Berliner sind unsterblich, lassen sich nichts gefallen oder verleugnen sie nur? Werden sie danach zornig, verhandeln sie oder akzeptieren, was ist? Vielleicht sind wir alle bald verschwunden, denke ich vor meinem Bücherregal, auf die Rücken meiner verstaubten Freunde starrend.


Anstatt mich endlich an den Schreibtisch zu setzen und in Herrgottsnamen den Aufsatz zu schreiben, um den mich Thanassis bat, gehe ich lieber ins Internet, oh Versucher!, vertrödele, wie mein halbes Leben bereits, noch ein bisschen mehr meiner Zeit, die ja aber endlos erscheint in den letzten Tagen. In der Zeit (online) finde ich eine Kleinigkeit von David Wagner und hoffe, er trägt fleißig seine Handschuhe beim Annehmen von Paketen und bleibt in Sicherheit. Er wohnt irgendwo in Prenzlberg, glaube ich, und ist seit seiner Organtransplantation immunsupprimiert; vielleicht sortiert er gerade seine vielen Verlagsverträge, irgendwas muss ja übrig bleiben. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob das alles so stimmt, was da steht, dem Autoren soll man bekanntlich nichts glauben. Sein Scriptor war mir trotzdem immer symphatisch und seine Worte bewegen mich mehr als mein Wille nach draußen zu gehen, vor allem heute. Warum auch ein verlogener Autor sein?


Die Kinder im Video lachen. Sie haben dem Alten nicht geholfen, vielleicht wissen sie gar nicht, wie das geht. Die Regisseurin prophezeit wiederholt: „Den wimpst’s glei’ um, den Typ!“, und freut sich, als es sich ereignet. Das Video geht viral, das bedeutet es ist für einen Tag fast berühmt und am darauffolgenden bedeutungslos. Für COVID-19 bricht sich hier kein Jugendlicher einen Zacken aus der Krone.


In Griechenland entbrennt derweil ein Hoheitskampf zwischen Kirche und Staat. Mich erreicht die Nachricht, dass viele Gläubige auch trotz der Krise wollen, dass ihre Kinder zur Kommunion alle von einem Löffel naschen. Von hinter meinem Fenster aus klingt das so sehr komisch, es ist aber nicht zum Lachen.

Was bleibt, solang der Strom noch fließt, werden die lachenden Jugendlichen sein, die alles nicht so bierernst nehmen, wie wir Noch-Jungen oder Altwerdenden. Wie soll man es nennen, in dieser Welt, in der niemand alt sein will? Wenigstens gibt es wohl doch noch schlimmere Krankheiten, als das Älterwerden. Meine Eltern gehören seit letztem Jahr offiziell zur Risikogruppe, aber meine Mutter will lieber noch, wie sie sagt, ein wenig ihre Jugend nachholen. Jetzt wäre der beste Zeitpunkt dafür.

Auf dem Weg zur Arbeit sah ich neulich noch, wie Jugendliche, von der Schule aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr freigestellt, sich um die Tischtennisplatten und Fußballkäfige verteilten, um sich die Zeit zu vertreiben. Ich fand das lässig, hätte früher mich nicht anders verhalten. Nicht, weil ich gern draußen war, sondern weil ich dagegen war. Vielleicht bin ich deswegen später auch so oft drin geblieben, aber das ist eine andere Geschichte, eine für die lange Quarantäne, die, wenn sie dann kommt und die Straßensperren errichtet worden sind, doch ein netter Gedanke wäre, um endlich mal aktiv zu werden. Vielleicht lass' ich's aber auch, was soll's. Fang ich's an, lass ich's bleiben?, den ganzen Tag reite ich auf diesem Gedanken über das Laminat in der Wohnung am Ostkreuz, hin und her, der Flur ist gemütlich lang, ich
erkunde ihn wie später vielleicht mein Zimmer im Krankenhaus, erkunde ihn, wie auf großer Fahrt, die Welt.

Auch wenn viele meinen, sie gerät nahe an den Stillstand, sie dreht sich doch. Heute nur steigen wir aus einer Achterbahn und halten darum die plötzliche Ruhe für eine Erschütterung. Meistens lacht man dann doch, wenn der Körper sich beruhigt. Ganz so, wie die Jugendlichen, die das alles scheinbar gar nichts angeht. Ich genieße es, finde dabei die Geschwindigkeit des Denkens wieder und nur für den Fall, dass ich das ganze am Ende doch überlebe, sollte ich mich langsam daran setzen, diesen Aufsatz endlich abzufassen. Vielleicht kommt die Gelegenheit nie wieder.


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Monday, March 9, 2020

Durchsage

Die digitale Uhr in der Reinhardtstraße ragt für einen flüchtigen Blick in den Rahmen der S-Bahn Fenster und wird sichtbar. Sie läuft schneller als mein Auge ihr folgen kann; man muss auf die Hunderterstellen achten, um zu bemerken, dass sie seit einiger Zeit rückwärts läuft. Damit hält sie das Versprechen wach, dass unsere auf Akkumulation fußende Kultur eine Zukunft hat. Man kann es hier ebenso emotionslos wie auf die zweite Kommastelle genau ablesen, es ist eindeutig, denn Zahlen lügen nicht. Das ist das nächste Versprechen. Diese Uhr bannt mich jedes Mal, vielleicht nicht aus dem intendierten Grund: Ich finde sie einfach amüsant. Als nächstes folgt ein kurzer Augenblick ins Innere der Kabine, welcher reichen muss, denn allzu genaue Blicke sind hier nicht erwünscht. Welche Welt sehen meine Augen?
Garderobe grau in grau in grau; bloß nicht auffallen, nur nicht anecken. Dieses Grau, das fast schon ein Blau ist, sehe ich. Es ist die Spannung zwischen zwei Widerständen im Inneren der Person, ein fast verdauter Klumpen der „Weltentzweiung“ oder eine Folge dieser Digestion. Man kann es auch einfacher die Faszination an der Verzweiflung nennen; die ist es mithin auch, die mich dabei von hinten packt, wenn ich das aus der Distanz betrachte. Kurz vor Berlin Hauptbahnhof kommt dann die Durchsage: „Nächste Station: Kölnische Heide.“ Niemanden außer mich wundert es, niemand hebt den Kopf.
Die Frau neben mir ist vertieft in eine Klatschzeitschrift: „Sonja Zietlows Abrechnung mit den Dschungelstars.“ Es gibt andere, deren Garderobe mir gefällt, doch je glatter ihre Schönheit, je überlegter, abgestimmter, das Gesamtbild wirkt, desto misstrauischer sollte man werden. Will man auf einen Diskurs einwirken, so Foucault von der Seite, wirkt auch der Diskurs im gleichen Maße auf einen selbst ein. Besser wieder nach draußen schauen und sich nichts anmerken lassen, die Mehrdeutigkeit wieder aufrichten. Wir spielen übrigens alle wieder das Statuenspiel, bei dem jeder reglos verharrt, ob sitzend oder stehend (ist beides erlaubt), und vorgibt, er hätte nennenswerte Gedankengänge; der Rest glotzt auf sein Telefon. Das ist die zweite Disziplin desselben Spiels, wobei es darauf ankommt, auch dabei interessant auszusehen. Eine Empfehlung für Fortgeschrittene quasi. Ich als Anfänger versuch’s mit meiner schlanken Fachliteratur. Und, siehe da, der gewünschte Effekt tritt bald ein: Ich fühle mich wichtiger als der Rest.

Tuesday, June 11, 2019

Anhaltender

Kurz nach Gesundbrunnen, kommt die Regionalbahn zum Stehen. Der Zug wurde bereits umgeleitet, da durch die unerwartet starke Hitze die Oberleitungen der Stadtlinie ausgefallen waren. Jetzt kam die Durchsage, wir hätten es wohl mit einer defekten Lok zu tun. Es wird um Geduld gebeten, der Lokführer wisse selbst nicht so ganz, wie es nun weitergehe.
Die weiteren Zuggäste ziehen es vor, im immer noch kühleren Abteil ihr Dasein zu fristen, wodurch wir uns oberflächlich ergänzen, da ich es vorziehe, allein zu sein. Das hat man auch selten: In der Bahn sitzen und nichts außer seinen eigenen Geräuschen zu hören, mal ganz abgesehen von der rauschenden Außenwelt. Einzig beim gelegentlichen Schlucken, stört die Kehle, vertrocknet. Hin und wieder wird die gesamte Bahn von vorbeifahrenden Schnellzügen durchgerüttelt; wer die Hitze mag, fühlt sich wie im Mutterleib.
Die Temperaturen steigen stetig; so, wie die Minuten gerinnen, vergeistern die Wasserreserven in der Atemluft und ich denke an diese eine Kurzgeschichte von Cortázar, die ich mal geschrieben habe... "Geschrieben" schreibe ich schon, ich meine natürlich gelesen. Ein guter Leser muss virtuell gut schreiben können, das habe ich mir gemerkt. Sowie ich jedoch diese Zeilen auf den hellblauen Bildschirm bringe, wird dem Zug ein Schock verpasst. Handelte es sich um eine Wiederbelebungsmaßnahme oder werden wir abgeschleppt? Kurz denke ich, dass es schade ist, weil es mir gerade so leicht von der Hand geht, von hier drüben, doch die als Bedauern sich maskierende Hoffnung verblasst bereits nach wenigen Augenblicken, genau wie mein Bildschirm. Es tut sich nichts: Schiffbruch.

Die Zeit kann man aus der Luft fischen, Burgen aus ihr bauen, mit trutzigen Zinnen, oder man lässt es. Auf einem dünnen Film aus Schweiß rutscht meine Brille jetzt ungehindert auf das spitze Ende meines Nasenrückens zu, zwar aus Gewohnheit rücke ich sie jedesmal nach oben, zum Anfang, zurück, doch ich frage mich, wie lang es dauern würde, bis zur hemmungslosen Aufgabe bekannter Handlungsmuster, bis zum Schulterschluss mit dem Herrn der Fliegen.
Noch eine gute Geschichte für den Sommer, denke ich mir gerade als unter mir eine Tür im quietschenden Ton, vielleicht unter großer Mühe händisch aufgestemmt, sich öffnet. Eine Stimme ruft herein: "Sieht erstmal besser aus, schonmal". Im unteren Teil geht der zur Stimme gehörende Unsichtbare vorbei, wohlmöglich ist es der Lokführer, wer weiß, ins nächste Abteil. Ich höre noch seinen dicken Schlüsselbund klimpern, höre ihn zu Mitreisenden sagen: "So, geht gleich weiter". Danach ertönt das Durchsagesignal, obwohl eine Durchsage noch auf sich warten lässt. Wieder klingt der Schlüsselbund unter meinen Füßen, lockt mich abermals auf die andere Seite. Von weit her höre ich noch dumpf, wie er, dort angekommen, auch denen versichert, er hielte uns auf dem Laufenden, es sähe aber so aus, als kämen wir zumindest zum nächsten Bahnsteig, irgendwie. Das ist das Letzte, woran ich mich erinnere. Ich fühle mich seltsam wohl dabei, dass er nicht zu mir hoch gekommen ist. 

Vielleicht hat er vergessen, dass ich hier bin. Die ganze Stadt scheint's zu vergessen, das Land, die Welt dahinter, die es angeblich gibt, wer weiß das schon so genau. Wo war ich? Ach ja, im Abteil, das ein ächzendes Geräusch von sich gibt, voll von toter Luft; Andacht auf den Kirchenbänken, wie damals, nur viel metallischer, anhaltender.
Ich bin jetzt sehr froh, dass der Zug zum Stehen kam, auch wenn wir schon die ersten hundert Meter entrückt sind, auch wenn ich nur noch verbrauchte Luft einatme und mein Unterhemd wie eine zweite Haut an mir klebt; genau wie meine Sprache, die im günstigsten Fall doch nur die Hälfte dessen bedeckt, was sie zu umfassen gedacht war. Wie die Zeit so vergeht und je mehr Zeilen ich fülle, desto enger wird unsere Verbindung und um so mehr von mir fließt in sie ein.
Wir fahren noch eine ganze Weile so weiter, unter dem ständigen Knarzen dieser röchelnden, sich schwerschleppenden, alten, Lok. Langsam passieren wir Grunewald, mit Glück werden wir es sogar bis Wannsee schaffen. Wie es von dort weitergehen wird?, ich bin nicht sicher.

"Verehrte Fahrgäste, unser Zug verendet in Berlin Wannsee. Reisende nach Potsdam Hauptbahnhof, nutzen bitte die S-Bahn."

Ich weiß nicht mehr, wohin ich ursprünglich wollte. Nur Durst. Will mir etwas beim Kios'... vielleicht ein Bier, vielleicht ein Ruderboot. Ach, nur ein Gummiboot. Und hinaus und verbrenne und zerfließe gleichzeitig; lasse endlich los. Verschütte dabei, in Andenken an den lieben Kleist, meine Bierdose. Sie treibt allein, wie ein Korken auf dem Meer, er nickt ein, in sich, versunken.